4.1. Begriffsklärung
Der Begriff Matriarchat wird wie kaum ein anderer
missverständlich und missbräuchlich verwendet. Daher gelingt
es der herrschenden Lehre immer wieder, die Existenz
nicht patriarchal lebender, matrifokaler Gemeinschaften als unmöglich hinzustellen.
Ein Matriarchat, korrekt mit "Mutterherrschaft" übersetzt, lässt
sich tatsächlich nirgends archäologisch nachweisen. Auch durch Analogieschlüsse
und mythologische
Indizien ist in der Urgeschichte kein Matriarchat bzw. eine matriarchale Gesellschaft
rekonstruierbar. Dennoch existieren noch in der Gegenwart matrilineare, matrilokale Gemeinschaften,
deren Existenz auf die urgeschichtlichen Verhältnisse vor der Bildung patriarchaler
Gesellschaften zurückgeht, die MATRIFOKALITÄT, auch Gylanie, Matronat oder matristische
Gemeinschaft genannt werden können.
Auch die Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft werden
meist unkritisch synonym verwendet. In der Soziologie sind Gemeinschaften jedoch
durch Gemeinschaftseigentum,
Konsens und Herrschaftsfreiheit definiert. Gesellschaften
hingegen beruhen auf Herrschaft mit Privateigentum und durchgesetzter sozialer
Arbeitsteilung.
Wir müssen also von egalitären, matrifokalen Gemeinschaften sprechen,
wenn wir jede Verwechslung mit Herrschaft ausschließen wollen.
Neben dem Begriff Matriarchat existieren auch die Begriffe Mutterrecht und
Gynaikokratie (Frauenherrschaft), die sich als Namengeber
aber nie durchsetzen konnten. Auch der Begriff Mutterrecht ist unpräzise und
wird ebenso häufig
wie "Matriarchat" für eine egalitäre Lebensweise verwendet. RECHT setzt jedoch
eine Rechtsordnung voraus, die von Herrschaftsstrukturen durchgesetzt werden
muss.
4.2. Kleine Geschichte der Erforschung der Matrifokalität
Die weltweite Geschichte der Erforschung der Matrifokalität
hat bis heute 7 Erkenntnisphasen durchlaufen,
zu denen die Geschichte
der
Matriarchatsforschung
aber dazugehört. Sie sind in Kürze in der folgenden
Übersicht dargestellt, wie sie sich mir nach 20 Jahren
Erfahrung mit Matriarchatsforschung
und mit Urgeschichtsforschung darstellen.
Eine exakte zeitliche Einordnung
findet
hier nicht statt, da die Übergänge im
Erkenntnisprozess natürlich fließend sind.
Weiter unten folgt die Präzisierung der 7 Phasen
sowie ein für die Rezeption der Matriarchatsforschung
beispielhafter Text.
Erkenntnisphase 1: Johann Jacob Bachofens "Das Mutterrecht".
Gynaikokratie als überwundene niedere Stufe menschlicher Kultur.
Erkenntnisphase 2: Lewis Henry Morgans Befunde und
die Rezeption im Marxismus. Matriarchat als Urkommunismus.
Erkenntnisphase 3: Bachofens
Mutterrecht und die Rezeption im Rechtsextremismus. Rückschritt:
Das gute Patriarchat, das schlechte Matriarchat.
Erkenntnisphase 4: Feministische
Matriarchatsforschung, Patriarchatskritik und die Vereinnahmung
der Urgeschichtsforschung
und Archäologie. Das gute Matriarchat.
Das unbewusste Matriarchat C.G. Jungs.
Erkenntnisphase 5: Ideologische
Kritik der Matriarchatsforschung, Patriarchatsforschung gewinnt an
Bedeutung. Weder ein schlechtes Matriarchat noch ein gutes Matriarchat
finden in der herrschenden Wissenschaft Anklang.
Erkenntnisphase 6: Forderung
der Frauenforschung nach mehr Objektivität und Demokratisierung archäologischer
Befunde und Vereinnahmung der Frauenforschung
durch die etablierte Wissenschaft. Stillstand der Matriarchats- und
Patriarchatsforschung.
Erkenntnisphase 7: Patriarchatsforschung
im Auftrieb: Patriarchatskritik an System und SystemträgerInnen
gestern und heute. Natürliche Matrifokalität und
unnatürliches Patriarchat.
4.2.1. Die 7 Phasen der Geschichte der Erforschung der Matrifokalität
Erkenntnisphase 1:
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen erste Funde weiblicher
Figurinen aus der Altsteinzeit die wissenschaftliche Welt aufmerken.
Wurden die Figurinen
auch zunächst als Pornographie abgetan oder belächelt, veränderten sie
dennoch die Sicht auf die Menschheitsgeschichte. Johann Jakob Bachofen
begründete
1861 die Matriarchatsforschung mit seinem Werk "Das Mutterrecht". Er
baute seine Theorie auf der Mythologie sowie auf Reiseberichten der ersten
EthnologInnen
auf. Er prägte allerdings nicht den Begriff Matriarchat (Mütterherrschaft),
sondern sprach von Gynaikokratie (Frauenherrschaft),
deren Prinzip das
Mutterrecht sei. Sie und die Ehe seien von sexuell drangsalierten
Frauen zu ihrem Schutze
eingeführt worden. Dies sei gegenüber der niedrigeren Kulturstufe, die
von "Sumpfzeugung" geprägt gewesen wäre, schon
ein Fortschritt gewesen. Damit
bekannte er sich natürlich zum Patriarchat, wurde aber dennoch aus dem
Kreis der etablierten Wissenschaft ausgeschlossen.
Erkenntnisphase 2:
Der Begründer der Ethnologie Lewis Henry Morgan, schrieb 1877 sein wichtigstes
Werk "Ancient Society". Er ging davon aus, dass die frühen Menschen nur
Gemeinschaftseigentum kannten und gleichberechtigt lebten. Erst 1885, nach
seinem Tod, ist der
Begriff "Matriarchat" erstmals in der Literatur
zu finden. Friedrich Engels sowie August Bebel und Klara Zetkin waren von
Morgan inspiriert. Die Zeit
des sog. Urkommunismus wurde nun positiv bewertet. Die
Forderung nach Gleichberechtigung der Frau im Sozialismus war darin begründet.
In den Ostblockstaaten wurde
die volle Berufstätigkeit der Frau aus dem Sachzwang heraus, die marode
Wirtschaft anzukurbeln, tatsächlich umgesetzt. Das Patriarchat wurde damit
aber nicht
abgeschafft.
Erkenntnisphase 3:
Die vermeintliche Überwindung des "schlechten" Matriarchats nach
Bachofen durch das "gute" Patriarchat ließ sich
in die Ideologie des patriarchalen Nazi-Regimes
einpassen. Mutterkreuz und Lebensborn waren Institutionen, die aus dieser
Quelle schöpfen. Die unter dem männlichen Pseudonym "Sir Galahad" bekannte,
eher unpolitische
Bertha Eckstein-Diener schrieb mit ihrem noch heute oft zitierten Buch "Mütter
und Amazonen" 1932 die erste universale weibliche Kulturgeschichte, in der
sie die "seit Bachofen lawinenartig niedergegangenen Einzelstudien der
einzelnen Wissenschaftszweige" zusammenfasste. (Sir Galahad 1996: aus
dem Nachwort von Sibylle Mulot-Déri, S.387) Das Buch wurde im Nationalsozialismus
nicht verboten. Die Matriarchatsforschung Bachofens wird bis heute von rechtsextremen
Zirkeln aufgegriffen.
Erkenntnisphase 4:
Weder die Existenz eines Matriarchats als "Frauenherrschaft" noch die als
egalitäre Gesellschaftsform wollten in die patriarchale Nachkriegsideologie
passen. Frauen, die etwas zu sagen haben, waren ebenso unerwünscht, wie eine
egalitäre Gesellschaft. Damit durfte es weder ein "gutes" noch ein
"schlechtes" Matriarchat gegeben haben, es hätte der Männerherrschaft
die natürliche Legitimation genommen. Von jetzt an war die Matriarchatsforschung
für etablierte
Wissenschaftler,
die "die etwas auf sich halten" Tabu. Die Tatsache der Rezeption durch die
links- und rechtsextreme Ideologien reichte als Begründung.
Aber die Wissenschaft erlebte mit den 1968ern eine Zeit des Aufbruchs und die
gestiegene Mobilität führte zu neuen Möglichkeiten. EthnologInnen machten Gesellschaften
bekannt, in denen Matrilokalität und Matrilinearität gelebt wurden und noch
heute werden. Die breite Öffentlichkeit erfuhr davon durch Reportagen in der
Presse. Der Archäologe James Mellaart entdeckte in den 1960er Jahren Çatal
Höyük und gab mit seiner Interpretation der Matriarchatsforschung unfreiwillig
neuen Auftrieb. Die Urgeschichtsforschung begann damit, die archäologischen
Spuren der Menschheit auf die Reste weiblichen Wirkens hin zu untersuchen.
Die US-Professorin Marija Gimbutas prägte den Begriff "Altes Europa", mit dem
sie die Jungsteinzeit vor der Invasion von Kurgan-Kriegern meinte, für die
sie aber ein Matriarchat ausschloss (siehe im ANHANG).
Dabei hat sie die enge Verbindung der Kultur Südost-Europas mit der Kleinasiens
herausgearbeitet. Die Privatgelehrte
Marie E.P. König (siehe im ANHANG)
unternahm Forschungsreisen zu den Kulthöhlen der Ile-de-France und wurde mit
der Neuinterpretation
abstrakter Symbole als Darstellung einer
Vulva berühmt. Die Geisteswissenschaften entdecken den Mythos neu und deuteten
Märchen als Ausdruck des kollektiven unbewussten Matriarchats,
der Schule C.G. Jungs folgend. Der Jung-Schüler und Bachofen-Anhänger Erich
Neumann verfasste "Die Große Mutter - Dar Archetyp des Großen Weiblichen" und
wurde
von der Matriarchatsforschung
in Wort und Bild vereinnahmt. Der Feminismus der 70er- und 80er
Jahre
griff diese Ergebnisse auf und interpretierte sie als Ausdruck eines "guten" Matriarchats in
den frühen Kulturen. Der Begriff erlebte damit eine erneute Umdeutung. Eine
eindeutige
Stellungnahme zu dem Verständnis des Begriffes wurde jedoch zunächst nicht
geliefert. Zu einer einheitlichen Lesart, die auch vor dem Elfenbeinturm Bestand
hatte, konnte es nicht kommen. Manchen Feministinnen gefällt die Vorstellung
einer Frauenherrschaft, andere lehnen Herrschaft als patriarchal ab. Der Ökofeminismus
wollte im Matriarchat eine friedliche, aber von Frauen beherrschte Zeit sehen.
Die deutsche Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth erklärte in ihrem
Buch "Die
Göttin und ihr Heros" den Ritus der Heiligen Hochzeit fälschlich als Ausdruck
von Frauenmacht und kommt damit der Theorie Bachofens sehr nahe. Die Zusammenhänge
von Herrschaft und Krieg wurden in der Friedensbewegung jedoch heiß diskutiert
und eine neue Sicht auf eine egalitäre Zeit vor dem Patriarchat begann sich
durchzusetzen. Heide Göttner-Abendroth übersetzt nun das Wort Matriarchat mit "am
Anfang die Mütter" (arché = Ursprung). Eine solche willkürliche und spitzfindige
Sinngebung des Begriffs
Matriarchat
ist
nicht
nur etymologisch
abzulehnen,
sondern hat zur allgemeinen Verwirrung erst beigetragen, denn im internationalen
wissenschaftlichen Gebrauch ist matri-archy, wie mon-archy eindeutig
auf Herrschaft und nicht auf Ursprung bezogen und matri-archy wird immer als
Polaritätsbegriff
zu patri-archy verwendet. Mit ihrer sog. Modernen Matriachatsforschung,
die die Erforschung von Matrifokalität als Matrilinearität und Matrilokalität
marginalisiert, und die Betonung auf die Göttlichkeit der Frau legt, kommt
es zu einem vorläufigen, fatalen Stillstand in Deutschland.
Erkenntnisphase 5:
Uwe Wesels "Der Mythos vom Matriarchat - Über Bachofens Mutterrecht und
die Stellung der Frauen in frühen Gesellschaften vor der Entwicklung staatlicher
Herrschaft" wird zum meistzitierten Buch der Matriarchatskritik.
Wesel stellt zutreffend dar, dass in der historischen Realität Matriarchate
nicht existiert
haben, sondern dass es sich um Mythen handelt (z.B. Amazonen). Aber er folgt
unkritisch der herrschenden Lehre, die matrifokale Sozialverbände, wenn überhaupt
als solche wahrgenommen, als Ausnahmeerscheinung des Neolithikums abhandeln
und erledigen möchte. Das Patriarchat, die Kleinfamilie, hat die natürliche
Lebensform der Menschheit zu sein. UrgeschichtsforscherInnen, die der Matriarchatsforschung
Material liefern, werden als Matriarchatsforscherinnen bezeichnet und gemobbt.
Die Urgeschichtsforscherin und Archäologin Marija Gimbutas lehnte wie Marie
E.P. König diese Bezeichnung für sich ab. Sie verwendete den Begriff Matriarchat
ganz bewusst nicht, um nicht die Assoziationen, die mit dem Begriff Patriarchat
verbunden sind, heraufzubeschwören. Sie bevorzugte den Begriff matristische
Gesellschaft, die für die matrilokale und matrilineare Lebensweise
der Urgesellschaft, wie sie sie erkannt hat, steht. Es gibt nur wenige Beispiele
einer wohlwollenden,
aber sachlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff "Matriarchat".
Die US-Forscherin und Begründerin der Patriarchatsforschung Gerda
Lerner läßt den Kern der Matriarchatsforschung stehen, nämlich,
dass das Patriarchat nicht die natürliche Lebensweise der Menschheit
ist. Für sie ist und bleibt das Wort Matriarchat aber unwissenschaftlich. Weitgehend
von ideologischem Ballast befreit hat sie neu angefangen, und beruhend auf
archäologischen und religionswissenschaftlichen Fakten eine Kulturgeschichte
der Unterdrückung der Frau verfasst. Leider hat Gerda Lerners
Werk auf die deutsche Matriarchatsforschung keinen nennenswerten Einfluss.
Auch die Amerikanerin Riane
Eisler verarbeitete in "Kelch und Schwert" den
Stand der Erkenntnisse zur Matrifokalität, für die sie den Begriff Gylanie vorschlägt.
Im Zentrum ihrer sog. kulturellen Transformations-These steht der Wandlungsprozess
von der matrifokal-egalitären und friedlichen Lebensgemeinschaft vor der Invasion
der Kurgan-Völker, hin
zu der dominatorischen, männlich ausgerichteten und kriegerischen Gesellschaft
seit den Kurgan-Invasionen. Sehr anschaulich schildert sie, wie nicht nur vor
6500
Jahren
mit Gewalt und
politischer Theologie die Frau entrechtet wurde, sondern bis heute
diese Mittel der Aufrechterhaltung der Gesellschaftsform dienen. Besonders
gilt ihre
Kritik
den Kulturwissenschaften,
deren Forschungsergebnisse an die Erwartungen der dominatorischen Gesellschaft
angepasst sind. Riane Eisler zeigt auf, wie die Erkenntnisse für künftige
Generationen
nutzbar
gemacht
werden
können.
Das
Werk
gilt als
Meilenstein
der Zukunftsforschung und
findet bis heute internationale Beachtung und
Anerkennung,
dies besonders bei
bekannten, ehemaligen Vertretern von
Wirtschaft und Politik. In diese Kreise sickern zunehmend die Thesen zur Matrifokalität.
Der Belgier Bernard
Lietaer zeigt mit dem Buch "Mysterium
Geld" auf,
wie eng die Haltung zum Archetyp der Großen Mutter (nach C.G. Jung) mit dem
allgemeinen Wohlstand zusammenhängt. Er beschreibt und erklärt das Zinswesen
als männliches Prinzip,
das volkswirtschaftliche
Probleme schafft bzw. verschärft. Das moralisch
anspruchsvolle Argument, dass
das weibliche Prinzip in der Gesellschaft einen
Ausgleich zwischen
Arm
und
Reich
herstellen
kann,
ist für Missbrauch anfällig, wie die weitere Entwicklung
(Phase 6) zeigen wird. Denn die Ausklammerung des Menschen
als Kind bzw. der entwicklungspsychologischen Aspekte aus dem Modell der Großen
Mutter kann zu einer neuen Schieflage in der Gesellschaft führen, diesmal zu
Lasten der wehrlosen Kinder.
Im Internet entstehen zahlreiche Portale zur Matriarchatsforschung.
Die Deutschamerikanerin Hannelore Vonier entwickelt seit Einführung des Internets
die Portale matriarchat.net und matriarchat.info,
die sich zu den wichtigsten Diskussionsplattformen entwickelt haben.
Erkenntnisphase 6:
Der Vormarsch feministischer Wissenschaft war nicht mehr aufzuhalten. Auch
ForscherInnen der traditionellen Wissenschaft kommen nicht mehr um
archäologische Funde, deren Beweislast geradezu erdrückend ist, herum. So
ist es nicht verwunderlich,
dass immer mehr Frauen an Forschungsprojekten
beteiligt werden, wie es insbesondere bei den neuen Ausgrabungen in Çatal
Höyük der Fall ist. Der Grabungsleiter Ian Hodder bestätigt James Mellaarts
archäologische
Befunde. Er räumt in seinem Aufsatz zur "reflexiven Ausgrabungsmethodologie"
ein, dass die Kritik der Frauenbewegung an der Zur-Verfügung-Stellung von
Ausgrabungsbefunden im Internet ernst zu nehmen ist. Danach sind Daten, die
weiter gegeben werden,
bereits durch die Auswahl interpretiert. Trotzdem sieht er "Objektivität,
Distanz und Neutralität, die die archäologische Methode für sich geschaffen
zu haben
glaubt", offenbar angegriffen. Er sieht eine Lösung für das Problem darin,
mehr zu tun als Beschreibung und Interpretation zu trennen zu versuchen.
Das sei sowieso nicht möglich, da Beschreibungen nie völlig objektiv sein
können.
Dazu sieht er Herausforderungen einerseits darin, die "zentrale Rolle der
Interpretation im eigentlichen Prozess der Konstruktion von Daten zu akzeptieren",
andererseits,
"Interpretation im primären Stadium einzuführen an der Spitze der Grabungskelle".
Hodder stellt die Ausgrabungsbefunde der breiten Öffentlichkeit im Internet
zur Verfügung, damit ist demokratische Kulturwissenschaft erfunden. (aus:
CD-ROM Çatal Höyük)
Die feministische Archäologie konnte also mit der Forderung nach
mehr Objektivität erstmals überzeugen und fand so Eintritt in den
Elfenbeinturm. Auch die Frauenforschung als neues Gebiet erhielt zunehmend
mehr Gelder. Lesbische Forscherinnen entdecken
die Frauenforschung für sich und nutzten sie zur Förderung der Integration:
die Gender Studies waren erfunden. Das viele Geld in
Frauenhänden weckte Begehrlichkeiten bei männlichen Forschern, die nun, da
das Fachgebiet umgetauft war, mitforschen resp. Gelder beantragen konnten.
Die männliche Konkurrenz stellte ein erneutes Problem dar. Forscherinnen
hatten wieder nur dann eine Chance, wenn sie die Grundfesten des Patriarchats
nicht
erschütterten. Die Gender Studies standen dazu aber nicht im Widerspruch,
denn die Grenzen der Geschlechter waren ja nun aufgehoben, in der Praxis
bedeutete
dass, dass Frauen an männliche Maßstäbe angepasst wurden. Der Girlsday wurde
zur festen Einrichtung im Jahreszyklus, und offenbart den starken gesellschaftlichen
Einfluss der Gender Studies und das wirtschaftliche Interesse an ihnen.
Eine neue Generation von Forscherinnen konnte
sich jetzt mit Matriarchatskritik einen
Namen machen.
Bücher wie "Die
Göttinnendämmerung" oder "Die Wolfsfrau im Schafspelz" griffen
die Widersprüchlichkeiten der Matriarchatsforschung auf, vermischten die
Phasen der Geschichte der Erforschung
der Matrifokalität und spielten die vielfach unausgegorenen Argumente gegeneinander
aus. Als links- oder rechtsradikal verunglimpft war der Matriarchatsforschung
der Garaus gemacht. Auch diese Beweisführung war nicht schlüssig, manche
Indizien waren sogar erfunden, aber die Bücher machten mit dieser Polemik
hohe Umsätze.
Das zeigte Wirkung: Kaum ein wissenschaftliches Buch auch weiblicher AutorInnen
erscheint heute ohne den bekennenden Satz "Theorien, die diese Befunde
als Ausdruck eines Matriarchats deuten, konnten sich nicht bestätigen." Eine
Auseinandersetzung mit dem Begriff findet dabei nicht statt. Es liest sich
also wie ein Bekenntnis
zum Patriarchat.
Erkenntnisphase 7:
In der Karlsruher Ausstellung "Die ältesten Monumente der Menschheit" (2007)
wurde der Öffentlichkeit erstmals ein kleines "Bärensiegel" aus
Çatal Höyük vorgestellt. Eine Mitarbeiterin Ian Hodders, Marion Cutting schreibt
im Katalog,
dass das Bärensiegel Anlass zu der Vermutung gäbe, dass viele Wanddarstellungen
keine Göttinnen sondern Tiere seien, und somit "viele Theorien über die Muttergöttin" in
Frage gestellt seien (siehe auch das Special auf dieser Homepage). Dieser
Satz soll der Theorie zur Großen Göttin der Urgeschichtsforscherin Marija
Gimbutas den Garaus machen (siehe im ANHANG),
und ist zugleich der Höhepunkt der Kritik an der Matriarchatsforschung, aber
vermutlich
auch
ein Zugeständnis an die
türkische
Regierung. Auf einer
Tafel (siehe unten) der Ausstellung wird versucht zu beweisen, dass James
Mellaarts These einer matrilinearen, egalitären Gesellschaft nicht tragfähig
sei. Die
geschickte Beweisführung dieses Textes vermengt alle Thesen der Geschichte
der Erforschung der Matrifokalität und hinterlässt bei vielen BesucherInnen
der Ausstellung Ärger aber auch totale Verwirrung. In den Vordergrund treten
aber die Thesen der Gender Studies, die Annahme der Gleichstellung und Austauschbarkeit
der Geschlechterrollen wird für Çatal Höyük postuliert.
Hannelore Vonier sieht in den monotheistischen Göttern nicht mehr die variierte
Fortsetzung der Muttergöttin. Für eine nicht-patriarchale Göttin sieht sie
keine Belege. "Matriarchale Stammesgesellschaften", wie sie sie
nennt, hätten keine Götter in unserem Sinne gehabt, auch keine Wörter dafür
in ihren Sprachen,
sondern Ahnen- und Nicht-Ahnen-Geister.
Der deutsche Kulturwissenschaftler und Patriarchatsforscher Gerhard Bott
legt 2009 mit dem Buch "Die
Erfindung der Götter - Essays zur politischen Theologie" eine umfassende Patriarchatskritik vor,
in der er nicht nur die Entstehung
des Patriarchats bzw. die Institutionalisierung des Vaters erklärt.
Er entlarvt die Methodik der Erhaltung desselben durch die patriarchale Wissenschaft
und geht hier noch mehr ins Detail als Riane Eisler. Er klärt erstmals die
Begriffe Matrilokalität und Matrilinearität im Gegensatz zu Patrilokalität
und Patrilinearität allgemein- und unmissverständlich,
und reinigt die Begriffe von ideologischen Kontaminationen. Er zeigt auf,
dass
die frühe Menschheit matrifokal lebte und erklärt dies aus den biologischen
Voraussetzungen und der Unkenntnis oder Nicht-Anerkennung der Vaterschaft.
Durch die Verknüpfung von Patriarchatsforschung und Patriarchatskritik gelingt
ihm die Beweisführung, dass die Herrschaft des Mannes über "seine" Frau
sich erst auf der ökonomischen Grundlage der Domestikation und Zucht der
großen Huftiere (Boviden) entwickelte. Darauf aufbauend erklärt er die Anpassung
der
Religion an die neuen gesellschaftlichen Bedingungen. Die Heilige Hochzeit
erklärt er als Ausdruck der Heiligung der Sexualität, die im Interesse des
Mannes lag, und die Grundlage war für die theologische Herabsetzung der altsteinzeitlichen
Großen Göttin in der Jungsteinzeit. Der Ritus der Heiligen Hochzeit war demnach
die feierliche Übergabe der kultischen Macht der Frau an die weltliche Macht
des Mannes und besiegelte das Patriarchat. Diese Erkenntnis entzieht der
Matriarchatsforschung nach Göttner-Abendroth (Phase 4) die Grundlage, liefert
dafür aber den Beweis,
dass das Patriarchat für mehr als 100.000 Jahre nicht die natürliche Lebensform
der Menschheit war, sondern eine kulturelle Errungenschaft, deren Durchsetzung
und Entwicklungsphasen der Autor beschreibt.
4.3. Methodik der etablierten Wissenschaft am Beispiel eines Textes auf einer
Tafel der großen Landesausstellung 2007 in Karlsruhe, "Die ältesten Monumente
der Menschheit"
FIGURINEN, DIE GROSSE GÖTTIN UND DAS MATRIARCHAT
1 Çatal Höyük erregte nicht
zuletzt durch die dort gefundenen menschlichen Figurinen großes Aufsehen. 2
Aufmerksamkeit zog vor allem eine üppige weibliche
Gestalt auf einer von zwei Leoparden flankierten Sitzgelegenheit auf sich.
3 James Mellaart bezeichnete die fülligen weiblichen
Darstellungen als "Muttergottheiten". 4 Seine Interpretation nährte insbesondere außerhalb der archäologischen Forschung
die Vorstellung, die Bewohner von Çatal Höyük hätten in einer egalitär und
matrilinear organisierten Gesellschaft gelebt. 5 Als Beleg für diese Deutung
zog man insbesondere die weiblichen Figurinen heran. 6 Häufig
wurde suggeriert, es handele sich ausschließlich um Darstellungen von Frauen
bzw. "Göttinnen". 7 Das ist nicht der Fall. 8 Ein Teil der Figurinen stellt Männer dar, andere
zeigen gar keine geschlechtsspezifischen Merkmale. 9 Weitere Indizien für eine
mutterrechtlich organisierte Gemeinschaft in Çatal Höyük fehlen. 10 Stattdessen
mehren sich Hinweise auf eine Gleichstellung und Austauschbarkeit der Geschlechterrollen.
11 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Arbeitsteilung oder Ernährung lassen
sich ebenfalls nicht feststellen. 12 Die Geschlechtszugehörigkeit
bestimmte nicht über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft. |
Im Folgenden sei dieser Text auf seine Fehler hin untersucht und korrigiert
und damit seine Rhetorik dargestellt.
Satz 1: Çatal Höyük erregte nicht zuletzt durch die dort
gefundenen menschlichen Figurinen großes Aufsehen.
Kommentar 1: Çatal Höyük erregte wegen seiner
zahlreichen weiblichen Figurinen und seines hohen kulturellen Standards Aufmerksamkeit.
Satz 2: Aufmerksamkeit zog vor allem eine üppige weibliche Gestalt auf einer
von zwei Leoparden flankierten Sitzgelegenheit auf sich.
Kommentar 2: Die Bedeutung der Figurine ist im
Zusammenhang mit den anderen Figurinen, Wandgemälden und Stierbukranien zu
sehen. Sie wird als "Göttin auf
dem Leopardenthron" bezeichnet, die in dieser Anmutung, allerdings bekleidet,
auch in späteren Kulturen als Kriegs- und Muttergöttin (z.B. Ishtar, Astarte)
erscheint. Für kriegerische Auseinandersetzungen fehlen in Çatal Höyük jedoch
die Belege.
Satz 3: James Mellaart bezeichnete die fülligen weiblichen Darstellungen als "Muttergottheiten".
Kommentar 3: Dies war nicht seine Idee, sondern
er stützte sich auf die Vergleiche mit zahllosen Funden des Nahen Ostens und
Ägyptens, die insbesondere mit der
Erfindung der Schrift auch als solche eindeutig identifizierbar sind.
Satz 4: Seine Interpretation nährte insbesondere außerhalb der archäologischen
Forschung die Vorstellung, die Bewohner von Çatal Höyük hätten in einer egalitär
und matrilinear organisierten Gesellschaft gelebt.
Kommentar 4: Die Archäologie ist für die gesamte
Kulturwissenschaft eine Hilfswissenschaft. Es handelt sich nicht um Vorstellungen,
sondern um Thesen. Wie wir im letzten
Satz erfahren werden, wird die egalitäre Lebensweise von Hodders Team bestätigt.
Matrilinearität ist keine Organisationsform, sondern eine Verwandtschaftsbeziehung.
Eine Gesellschaft setzt im soziologischen Sinne eine Herrschaftsstruktur voraus,
die aber für Çatal Höyük nicht nachgewiesen werden konnte. Es muss also von
Gemeinschaft gesprochen werden.
Satz 5: Als Beleg für diese Deutung zog man insbesondere die weiblichen Figurinen
heran.
Kommentar 5: Darüber wer mit "man" gemeint ist,
schweigen sich die Verfasser aus.
Dies ist zudem eine verzerrte Darstellung. Mellaart berief sich auch auf die
Bestattungen. So fand er unter der Hauptplattform der Häuser jeweils weibliche
Skelette. Dies konnte Hodder in den von seinem Team ausgegrabenen Planquadraten
nicht bestätigen. Aber auch das ist kein Gegenbeweis, denn in matrilinearen
Gemeinschaften betreiben die Männer Exogamie durch Matrilokalität, d.h. sie
begeben sich vollständig in die Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft ihrer Sexualpartnerin
oder sie suchen diese temporär in deren Sozialverband auf. Die letzte Variante
wird praktiziert von den Mosuo, die die Matrilokalität auf eine sogen. "Besuchs-Ehe" beschränken,
obwohl es sich bei dieser Praxis im soziologischen Sinne nicht um eine "Ehe" handelt.
Auch bleiben die Brüder in der Lebens-und Wirtschaftsgemeinschaft ihrer Mutter
und Geschwister, und ersetzen als
sozialer Vater den
biologischen Vater der Kinder der Schwestern.
Satz 6: Häufig wurde suggeriert, es handele sich ausschließlich um Darstellungen
von Frauen bzw. "Göttinnen".
Kommentar 6: Dies ist ein persönlicher Eindruck
der VerfasserInnen.
Satz 7: Das ist nicht der Fall.
Kommentar 7: Suggestiver Kurzsatz. Siehe Satz
6 und Kommentar zur Überschrift am Ende.
Satz 8: Ein Teil der Figurinen stellt Männer dar, andere zeigen gar keine
geschlechtsspezifischen Merkmale.
Kommentar 8: Richtig, aber die Männer sind in
den Plastiken extrem unterrepräsentiert. Sie finden sich vor allem auf den
Wandmalereien,
dort als bärtige Jäger. Mellaart
grub nachweislich 41 anthropomorphe Skulpturen aus, von denen 33 (d.h.80%)
eindeutig weiblich waren.
Satz 9: Weitere Indizien für eine mutterrechtlich organisierte Gemeinschaft
in Çatal Höyük fehlen.
Kommentar 9: Die Bezeichnung "mutterrechtlich"
ist hier fehl am Platze. Mutterrecht setzt eine Gesellschaftsordnung voraus,
die gesetzgebend wirkt. Dafür finden
sich keine Belege. Jetzt wird auch das Wort "Gemeinschaft" verwendet,
das soziologisch aber von Gesellschaft zu trennen ist. Gemeinschaft und herrschaftliche
oder hierarchische Organisation schliessen sich soziologisch aus. Daher können "weitere
Indizien" auch nicht
gefunden werden.
Satz 10: Stattdessen mehren sich Hinweise auf eine Gleichstellung und Austauschbarkeit
der Geschlechterrollen.
Kommentar 10: Ein Unterschied zwischen "Egalität"
und "Gleichstellung der Geschlechterrollen" wird nicht dargestellt. Die Gender
Studies vereinnahmen Çatal Höyük, um ihre
Versuche, die Geschlechtergrenzen der Gegenwart aufzulösen, zu untermauern.
Für die "Austauschbarkeit von Geschlechterrollen" bleiben aber die VerfasserInnen
Beweise schuldig.
Satz 11: Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Arbeitsteilung oder Ernährung
lassen sich ebenfalls nicht feststellen.
Kommentar 11: Diese Behauptung ist unzutreffend.
In den Wandbildern sind nur Männer als jagend dargestellt. Der Tötungsvorgang
ist offenbar Männersache,
denn die dort auch abgebildeten Frauen tragen keine Jagdwaffen, sondern tanzen
oder übernehmen eine andere Verantwortung im Rahmen der Jagd, die nicht genau
erkennbar ist. Mit "Ernährung" ist die Diskussion über Dominanz tierischer
oder pflanzlicher Nahrung gemeint. Oft wird als Beleg für die vermeintliche
Dominanz der altsteinzeitlichen Männer die vermeintlich überragende Bedeutung
der Jagd, bzw. der tierischen Nahrung und der männlichen Arbeitsleistung herangezogen.
Eine egalitäre Gemeinschaft kennt nur Gemeinschaftseigentum aus der gemeinschaftlichen
Jagd, Kleintierjagd, Ernte und Sammelleistung. Über die Dominanz eines Geschlechtes
lässt sich daraus natürlich nichts ableiten, auch wenn der Anteil der pflanzlichen
Nahrung um die 75% betrug.
Satz 12: Die Geschlechtszugehörigkeit bestimmte nicht über die Rolle des Individuums
in der Gesellschaft.
Kommentar 12: Die Archäologie kann darüber keine
Aussage treffen. Der soziologische Begriff "Rolle" meint die gesellschaftliche
Stellung und die ihr zugehörigen
arbeitsteiligen Aufgaben. In einer egalitären Gemeinschaft beruht die Arbeitsteilung
auf geschlechtspezifischen Fähigkeiten und biologischen Anforderungen. Letztlich
bestätigt dieser Satz die Annahme einer egalitären, matrifokalen Gesellschaft,
gegen deren Existenz kein Fund von Çatal Höyük spricht. Çatal Höyük befindet
sich am Übergang von der matrifokalen Wildbeutergemeinschaft zur neolithischen
Ackerbaukultur. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung der Männer als Jäger
und der Frauen als Hackbäuerinnen wurde im Kommentar zu Satz 11 schon festgestellt.
Zum Schluss noch ein Blick auf die Überschrift: Figurinen, die Große Göttin
und das Matriarchat
Kommentar 13: Der Begriff "Matriarchat",
der ausschließlich in der Überschrift verwendet wird, dient offensichtlich
dem Zweck, den BesucherInnen
der Ausstellung den Glauben zu vermitteln: Da es kein Matriarchat (wie inzwischen
allgemein bekannt) gab, hat es in Çatal Höyük auch keine Matrilinearität des
Verwandtschaftssystems und somit keine Matrifokalität der Gemeinschaften gegeben.
Auf jeden Fall beweist die Beliebigkeit und Ungenauigkeit der Verwendung dieser
Begriffe die mangelhaften Kenntnisse der AutorInnen über soziale Sachverhalte
und gesellschaftswissenschaftliche Termini.
FAZIT: Als Wissenschaft getarnte Ideologie gewürzt mit
geschickter Polemik macht aus Çatal Höyük eine patriarchale Gemeinde,
für die aber die Belege
gänzlich fehlen.
4.4. Ideologieverdacht
Kein anderer Forschungsgegenstand ist wie die Urgeschichte gefährdet, ideologischen
Absichten zu unterliegen, denn ihre Erforschung trifft ins Mark unserer Gesellschaft.
Die Geschichte der Erforschung der Matrifokalität ist genauso untrennbar mit
der Erforschung der Entstehung des Patriarchats verbunden
wie sie sich mit den zeitgenössischen patriarchalen Strukturen auseinandersetzen
muss. Der Forschungsgegenstand Patriarchat möchte sich seiner Erforschung entziehen,
da er befürchtet, dass dies seinen Untergang bedeuten könnte. Wir sollten uns
darüber im Klaren sein, dass ausnahmslos alle ForscherInnen in einer Gesellschaft
leben,
die
auf der Ideologie des Patriarchats beruht. Sie können sich
von den unbewußten Auswirkungen nicht vollkommen befreien. Ebenso wie ein Fotoapparat
keine Bilder von sich selber liefern kann und soll, werden patriarchale Strukturen
keine ideologiefreie Geschichte menschlichen Daseins liefern. Um aber zu einem
weitgehend objektiven Bild zu kommen, muss also zunächst
jeder Forscher und jede ForscherIn die
eigene Motivation, aber auch die Aufgabenstellung hinterfragen. Leider ist
die universitäre Wissenschaft von Geldgebern abhängig,
so dass wir nie sicher sein können, ob die Forschungsergebnisse stimmen.
Mit der Zusammenschau aller Befunde läßt sich der Originalzustand oder die
Lebensweise einer Epoche rekonstruieren. Dies erforderte vor der Entwicklung
naturwissenschaftlicher und soziologischer Methoden enorme Vorstellungskraft
und Phantasie, führte aber für die Urgeschichte zu einer Flut von Thesen, die
als "Stand der Wissenschaft" das Bild von der Welt bis heute prägen.
Wir kommen heute mit kriminalistischen Mitteln der Wahrheit näher. Im Wege
stehen nun aber Denkmäler, Päpste und ganz profan, der Wunsch eine Dauerstelle
zu bekommen.
Geschichte ist immer Spiegel dessen, was der Geschichte(n)schreiber für würdig
erachtet aufgeschrieben zu werden und dessen, wie er die Geschichte sieht.
Bevor in der Wissenschaft über Methodik diskutiert wurde, war dem Betrug, also
der Geschichtsklitterung Tür und Tor weit geöffnet. Da für die Urgeschichte
keine primären Textquellen vorliegen, können nur spätere,
patriarchal kontaminierte Texte untersucht werden. Die ersten geschichtsschreibenden
Texte der Menschheit sind neben Königslisten, Gesetzestexten und Herrscherstelen
die Mythen. Verwenden wir Sekundärquellen, also Forschungsberichte
im weitesten Sinne, sind auch diese aus ihrer Zeitgeschichte heraus zu betrachten.
Dabei dürfen wir uns nicht scheuen, wenn nötig, quellenkritisch Denkmäler
und Päpste zu stürzen.
Wird ein Artefakt aus seinem Kontext gerissen, besteht die große Gefahr der
Projektion heutiger Haltungen auf den Gegenstand. Ein gutes Beispiel dafür
liefert der Fund der ältesten Darstellung (35.000 v. heute) eines Menschen,
die "Venus von Hohlen Fels". Sie löste bei Presseleuten und auch
beim Ausgrabungsleiter vor allem sexuelle Phantasien aus. Solche wurden auch
dem "Künstler" unterstellt, der "selbstverständlich" nur
ein Mann sein konnte. Bevor er sich gänzlich in Grund und Boden redete, flüchtete
sich der Ausgrabungsleiter in eine dümmliche Ausrede: Er sei ja nicht dabei
gewesen. Dieses Totschlagargument können wir aber auch für die Geschichte vor
unserem Geburtsdatum und unserer Haustür anwenden. Damit wäre alle Forschung
überflüssig. Glücklicherweise sind wir nicht angewiesen auf die phantasievollen
Interpretationen der Archäologie, die sich in diesem Beispiel einmal mehr als Hilfswissenschaft outet.
Zum Schluss
Vielleicht fällt es manchen, die unter Matriarchat eine herrschaftsfreie,
egalitäre Zeit verstehen wollen, nun leichter sich von diesem liebgewonnenen
Begriff
zu trennen, um dazu beizutragen, die Debatte auf eine wissenschaftliche,
nicht mehr ideologieverdächtige Basis zu stellen. Wird dies beherzigt, kann
auf die
Rhetorik der herrschenden bzw. patriarchalen Wissenschaft angemessen reagiert
werden.
ZUM
LITERATURVERZEICHNIS
ANHANG Beteiligte Forschungsgebiete
Die Matriarchatsforschung hat stets auch für sich in Anspruch genommen, Urgeschichtsforschung zu
sein, weil sie archäologische und paläoanthropologische Befunde
in ihre Thesen mit einbezieht. Anders herum haben viele UrgeschichtsforscherInnen,
deren Arbeit von der Matriarchatsforschung rezipiert wurde, stets verneint, MatriarchatsforscherInnen
zu sein. ForscherInnen, die Matrifokalität untersuchen, können und müssen sich
aller Wissenschaften bedienen, um ihre These zu untermauern! Umso erfreulicher
ist, dass gerade jede der hier kurz erläuterten, messenden Naturwissenschaften Indizien
für die Existenz urgeschichtlicher Matrifokalität verifiziert hat oder dazu beitragen
kann, diese zu verifizieren.
Die Archäologie entwickelt Grabungstechniken, mit denen sie
fundträchtige Orte untersucht. Sie birgt Artefakte und Bauteile, die in kunstgeschichtlichen Zusammenhang
gestellt werden müssen. Sie entwickelt dafür Ordnungssysteme und unter Zuhilfenahme physikalischer Methoden
ordnet sie Funde zeitlich ein. In Zusammenarbeit mit Anthropologie und Biologie birgt
die Archäologie menschliche, tierische und pflanzliche Überbleibsel und lässt
diese auswerten. Zu den Aufgaben der Archäologie gehört auch die Konservierung
der Funde unter Zuhilfenahme chemischer und physikalischer Methoden.
Die Befunde archäologischer Forschung werden aufbereitet und der Wissenschaft
und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Auswahl der Fundorte und Funde
bedeutet bereits eine erste Interpretation bzw. Wertung.
Die Sprachwissenschaften, die in letzter Zeit stark mit der Genetik zusammenarbeiten,
versuchen den Stammbaum der Sprachen zu beschreiben und zu lokalisieren. Die
Forschung erhofft sich davon Erkenntnisse über die Wanderungsbewegungen der
Menschheit. In der Sprache und im Ausdruck wird nach kulturell bedingten Ausprägungen
gesucht, die eine Gesellschaft kennzeichnen.
Die Ethnologie bzw. Völkerkunde beobachtet und beschreibt
gegenwärtige menschliche Lebensweisen. Aus früheren und aktuellen Beobachtungen
wird versucht, die Entwicklung einer Ethnie darzustellen. Die Ethnologie hat
inzwischen eine eigene Forschungsgeschichte, die die großen Schwächen historischer
ethnologischer Befunde deutlich macht. Hier wären vor allem die Berichte der
Missionare zu nennen. Analogieschlüsse von der Völkerkunde auf die Urgeschichte
werden gezogen, sind aber äußerst problematisch, auch weil sich die natürliche
Lebensweise der Art Mensch mit der Entstehung des Patriarchats vollkommen wandelte,
und kein Volk und keine ForscherIn mehr frei ist von patriarchaler Kontamination.
Die Ethologie, allgemein die Lehre vom Verhalten, versucht
die instinktiven, angeborenen Verhaltensweisen des Menschen herauszuarbeiten,
untersucht menschliches Verhalten im kulturellen Umfeld und vergleicht beides
miteinander. Sie bedient sich u.a. medizinisch-physiologischer und psychologischer Methoden.
Die Befunde fließen auch in die Soziologie ein. Die Soziologie liefert
den Kulturwissenschaften Modelle und - wie bereits erwähnt - Begriffe für Formen
menschlichen Zusammenlebens. In den siebziger Jahren hat sich im Bereich der Soziologie ein
neuer Zweig gebildet, der früher Frauenforschung genannt wurde, und jetzt unter
der Bezeichnung Geschlechterforschung, resp. Gender-Studies zu
finden ist. Die kurze Übersetzung für "Gender" lautet soziales
Geschlecht. Eine geläufige Definition lautet wie folgt: "Gender bezeichnet
ein komplexes, aus mehreren Einzelkomponenten bestehendes soziales Phänomen.
Es beschreibt sowohl die gesellschaftlichen Erwartungen als auch die Verhaltensweisen
und das Selbstverständnis von Personen in bezug auf ihr Geschlecht. Unter gender werden
beispielsweise Geschlechterrolle, -identität, -varianz, -zuordnung, -status,
und -ideologie zusammengefasst." (Brandt, Owen, Röder in: "Frauen Zeiten Spuren" 1998,
S.19)
Gender-Studies fließen mittlerweile in alle Kulturwissenschaften ein. In der Archäologie bedeuten
die Untersuchungen zu Gender für viele Funde, dass alle sie betreffenden kulturell
bedingten Sehgewohnheiten, die mutmaßlich von Rollenklischees gekennzeichnet
sind, ausgeklammert werden. Als Beispiel wären Grabbeigaben und anthropomorphe
Figurinen, der Geschlecht nicht eindeutig erkennbar ist, genannt.
Die Sozialökonomie brachte u.a. die Erkenntnis hervor, dass
die Lebensweise einer Gemeinschaft oder Gesellschaft auch die religiösen Vorstellungen
prägt, und ist daher mit der Religionsgeschichte verbunden.
Diese ist bemüht sich um die Erforschung des Phänomens Religion und
der Theologie, macht aber keine Theologie.
Theologie baut ein Gedankengebäude um religiöse Vorstellungen herum, kurzum
schreibt vor, was Menschen glauben sollen. Theologie ist ein Phänomen des Patriarchats,
ist politisch motiviert, kann daher auch als politische Theologie bezeichnet
werden.
Die Märchenforschung sucht u.a. die Ursprünge der Motive
aus Märchen in den Mythen. Damit ist die Märchenforschung von der Mythenforschung abhängig
und darüber mit den Religionswissenschaften verbunden, denn Mythen beschreiben
Entwicklungsvorgänge und Zustände religiöser Vorstellungen bzw. der Theologie.
Im Märchen werden auch sog. Archetypen (nach C.G. Jung) herausgearbeitet und
ihr Auftreten wird tiefenpsychologisch gedeutet. Im Verhalten
der Protagonisten einer Erzählung wird also nach ursprünglichen Mustern gesucht
und Reaktionen auf bestehende Schwierigkeiten darauf zurückgeführt.
ANHANG Lebenswerke
Marija Gimbutas (1921-1994)
Marija Gimbutas, Professorin für Archäologie an der Universität von Kalifornien,
Los Angeles (UCLA) erreichte in der archäologischen Fachwelt durch ihr Lebenswerk
Berühmtheit. Die Bedeutung ihrer Arbeiten wird z. B. mit der Entzifferung der
Hieroglyphen verglichen oder mit den Ausgrabungen von Troja (J. Campbell/A.
Montagu, aus einem Prospekt von Zweitausendeins, 1997), dementsprechend häufig
wird sie zitiert.
Als Marija Birute
Alseikaite heiratete sie früh Jurgis Gimbutas, später Dr. der Ingenieurswissenschaften.
Sie war zu dieser Zeit Widerstandskämpferin gegen die sowjetische Besetzung
Litauens 1940. 1942 erwarb Marija Gimbutas den Magisterabschluss in Archäologie
an
der
Universität
Vilnius und forschte zunächst alleine. Während ihrer Promotionsphase
in Tübingen wurde sie
Mutter einer Tochter und blieb nach ihrer Promotion
Privatgelehrte.
1947 bekam sie abermals
eine Tochter. In diesem Jahr wurde die Familie in ein Flüchtlingslager verfrachtet,
wo die Kinder unter den Leidensgenossinnen Betreuung fanden. 1949
wanderte die Familie in die USA aus, wo Marija Gimbutas zunächst in verschiedenen
Jobs arbeitete,
u.a.
als
Dienstmädchen, dies nicht ohne ihre Studien fortzusetzen. 1953 erhielt sie
ein Forschungsstipendium und arbeitete und studierte in der Peabody Library
in Harvard.
1954 kam
ihre dritte Tochter zur Welt. 1955 wurde sie als Mitglied der Forschungsgemeinschaft
am
Peabody
Museum
geehrt.
1963
ging
sie
als Professorin an die UCLA und wurde 1989 emeritiert. (Schulte
1995)
Marija Gimbutas entwickelte die These, dass die matristische Lebensweise in
Alt-Europa mit der Indoeuropäisierung ab ca. 4500 v.u.Z. unterging. Sie bezeichnete
die
frühen IndoeuropäerInnen als Kurganvölker, benannt nach den für sie typischen
Hügelgräbern, die in Russland Kurgane heißen. Die von ihnen zuerst domestizierten
Pferde ermöglichten diesen nomadischen Hirtenvölkern nicht nur eine schnelle
Einwanderung aus dem Osten, vermutlich vom Kaspischen Meer, der Wolgasteppe
und dem Ural, sondern bedeuteten auch eine kriegerische Überlegenheit gegenüber
den friedliebenden alt-europäischen UreinwohnerInnen. In ihrem gelungenen Versuch einer Rekonstruktion der steinzeitlicher Glaubensvorstellungen,
veröffentlicht z.B. in den Werken "Die Sprache der Göttin" und "Die Zivilisation
der Göttin, klassifizierte Marija Gimbutas Muster, aber auch Formen von Keramiken,
Figurinen und Wandbilder, deren Symbolik sie als Ausdrucks der Weltreligion
der Grossen Göttin deutete. Ihre Arbeiten sind für die Deutung der Bildwerke
Çatal Höyüks von grösster Bedeutung, welche sie stets in ihre Untersuchungen
einbezog.
Marija Gimbutas sah in der Tatsache, dass in den Kurganen auf alt-europäischem
Boden fast ausschließlich Männer bzw. Fürsten bestattet waren, im Gegensatz
zu den gleichberechtigten Bestattungen der Urbevölkerung, den Beleg für
ihre These. Diese These ist jedoch umstritten. Natalia Polosmak vom Institut
für
Archäologie und Ethnologie der Akademie der Wissenschaften in Moskau sieht
in dem 1996 in Sibirien gefunden Kurgan-Grab einer Schamanin der Pazyryk-Kultur
den Gegenbeweis dafür. Die etwa 23-jährige Frau war geschmückt mit Tätowierungen
in "Sonnenhirsch-Symbolik". Sechs goldbelegte Pferdegerippe und reiche
Grabbeigaben würden sie als "Priesterin der Sippe mit königlichem Status" ausweisen.
Dieses Kurgan-Grab zusammen mit einem anderen eines Kriegers, der mit gleicher
Symbolik
bestattet war, sprächen für eine "Ausgewogenheit der Geschlechterrollen"
mit einer frauenzentrierten Religion. Riane Eisler konnte jedoch nachweisen,
dass
der Übergang zur indoeuropäisierten Kultur innerhalb der
neuen, dominatorischen Gesellschaft fließend war und die alten Glaubensvorstellungen
und Symbole immer wieder zum Vorschein
kamen. Sie wurden von der weiblichen Urbevölkerung,
die die Kurgan-Überfälle überlebte, tradiert und an die folgenden Generationen
von Mischlingen weitergegeben. Ein Schamaninnengrab steht also nicht im
Gegensatz zur Kurgan-These. Ebenso konnte Gerhard Bott nachweisen, dass
auch die Hirtenvölker, die die Kurgankultur
gewaltsam
verbreiteten,
aus einer matrifokalen Urbevölkerung hervorgingen, deren Lebensweise und
Kultur durch den Übergang
vom Ackerbau zur Nomaden-Viehzucht patriarchalisiert wurde. In den patriarchalen
Stadtstaaten Mesopotamiens waren Frauen die Vorsteherinnen der Tempel
der Großen Göttinnen Innana und Ishtar.
Der Archäologe
Colin Renfrew geht davon aus, dass die Indoeuropäisierung über
Anatolien
voran
kam.
Diese
These
konnten
die Biologen Russell Gray und Quentin Atkinson mit einer Untersuchung des
Stammbaums der indoeuropäischen Sprachen bestätigen. Der Linguistiker
Harald Haarmann und der Genetiker Luigi Cavalli-Sforza
können die These Marija Gimbutas' bestätigen. Cavalli-Sforza, der dazu
Gen-Untersuchungen anstellte, sieht aber eine Mischung beider Thesen als
wahrscheinlich an.
Die Befestigungen
der spätbandkeramischen Siedlungen werden oft als Argument angeführt, um
die Egalität der Gesellschaft des Alten Europa als unmöglich erscheinen
zu
lassen. Sie sind jedoch Ausdruck dafür, dass die Bandkeramiker
zunehmend unter Druck gerieten. Zwar wanderten
auch egalitär lebende Lengyel-Leute zu, die dem Druck der ersten Kurgan-Welle
auswichen, aber vor allem waren die Bandkeramiker auch direkt von Kurgan-Überfällen
bedroht. Auch Riane
Eisler schließt Aggressionen für die
matrifokale
Gesellschaft nicht
aus,
wenngleich
sie
nicht die
Regel waren und vor allem nicht heroisiert wurden.
Die bildliche Kunst der Bandkeramik und der Lengyel-Kultur zeigt keine
kriegerischen Handlungen, Herrscher oder Kriegssymbolik. Das sog. Massaker
von Talheim fand gegen Ende der Bandkeramik (ca. 4850 v.u.Z.)
statt. Die Angreifer waren Kurgan-Krieger (Gimbutas
1991, S.365).
Marie E. P. König (1899-1988)
Marie E. P. König erforschte die Kulthöhlen Frankreichs vor Ort, und entdeckte
dort die ältesten Spuren des steinzeitlichen Weltbildes. Dabei waren es nicht
nur die berühmten Höhlen von Pech Merle oder Lascaux, deren Tierdarstellungen
sie als Metapher für das weibliche Prinzip erkannt hat, sondern vor allem die
weitgehend unbekannten und schwer erreichbaren Höhlen im Wald von Fontainebleau,
in denen sie u.a. zum ersten Mal die Vulva-Symbolik in den von Menschen in
den Fels gehauenen Zeichen erkannte und die Netzmuster und Linien, die dort
ganze Wände und Böden überziehen als ersten Ausdruck einer Vorstellung von
den Himmelsrichtungen deutete. Sie war es auch, die den Zusammenhang des Mondkultes
mit der Stier-Symbolik erklärte.
Bemerkenswert ist dabei, dass Marie E.P. König erst mit 50 Jahren, nach dem
Auszug der Kinder, begann, auf eigene Faust die Dinge zu erforschen, die sie
seit
ihrer Kindheit beschäftigten. Sie ist zwar in der feministischen Forschung
anerkannt, wird aber in der übrigen Fachwelt namentlich ignoriert, da sie "nur" Autodidaktin
war. Dennoch haben sich ihre Erkenntnisse, die sie in zahlreichen Büchern veröffentlichte, "herumgesprochen" und
sind wie selbstverständlich in die Deutungsversuche anerkannter ForscherInnen
eingeflossen. Dies betrifft vor allem ihre Arbeiten zur Vulva-Symbolik, die
mittlerweile fester Bestandteil von Deutungsspektren geworden ist, wie sie
auch von James Mellaart (s. 3.3.1.) auf die in Çatal Höyük gefundenen Bildwerke
angewendet wuirde.
Marie E.P. König hat wie Marija Gimbutas stets darauf wert gelegt, nicht als
Matriarchatsforscherin, sondern als Urgeschichtsforscherin bezeichnet zu werden.
Beide bezeichneten sich ausdrücklich nicht als Feministinnen.
Gerda Lerner (geb. 1920)
Gerda
Lerner ist eine österreichisch-amerikanische Historikerin, Dozentin und
Autorin. In ihren jungen Jahren engagierte sie sich gegen den Faschismus
und ging nach der Inhaftierung ins Exil in die USA.
Für diese Zeit beschreibt sie sich als Mutter, Sozialistin und Kommunen-Aktivistin
(Fireweed: a Political Autobiography, 2002). Sie veröffentlichte
bald erste eigene Texte und schrieb Filmskripte. Durch den Krieg, das Exil
und ihre Mutterschaft war ihre Ausbildung unterbrochen, und sie
begann ihre Universitätslaufbahn
später mit 46 Jahren. Mit wichtigen Forschungsarbeiten
machte sie sich als feministische Historikerin einen Namen und
erhielt zahlreiche
Preise und Auszeichnungen. Aufgrund ihres Einflusses und ihrer Ämter konnte
sie die Darstellung weiblicher Geschichte an den amerikanischen Hochschulen
reformieren.
Seit 1990 ist sie emeritiert, publiziert aber
bis heute und unterstützt zahlreiche Projekte (Harvard University
Library, 2003).
Das
Buch "Die Entstehung des Patriarchats" (1986) gehört zu ihrem Spätwerk
als Universitätsprofessorin. Sie erklärt darin, warum das Patriarchat
von Männern und auch Frauen geschaffen wurde, und nicht allein auf das Machtstreben
von Männern
zurückzuführen sei. Die patriarchale Familie war, so schreibt sie, Keimzelle
archaischer
Staaten. Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen sind, so erklärt sie, hier
entstanden und die Sexualität der Frau wurde hier zum Tauschobjekt. Am Beispiel
der frühen Staaten Mesopotamiens, ihrer Organisation und ihrer Religion,
untersucht sie sehr eingehend die Entwicklung der Stellung der Frau und kommt
zu sehr
plausiblen
und folgerichtigen
Ergebnissen. Ein Ziel des Buches war auch, der Irrlehre vom Matriarchat nüchterne
Wissenschaft entgegenzusetzen. Der Nachweis, dass das Patriarchat
nicht naturgegeben ist, sondern aus dem wirtschaftlichen Wandel des Neolithikums
hervorging, ist Gerda Lerner in besonderem Maße gelungen.
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