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Catal Höyük

Interpretation am Scheideweg
openbook von Gabriele Uhlmann

 

 

Kapitel 1-2  Kapitel 3

 

KAPITEL 4...MATRIFOKALITÄT - MATRIARCHAT - WELCHER WUNSCH IST WIRKLICHKEIT ?

Einführung

4.1. Begriffsklärung

4.2. Kleine Geschichte der Erforschung der Matrifokalität

4.2.1. Die 7 Phasen der Geschichte der Matrifokalität

4.3. Methodik der etablierten Wissenschaft am Beispiel eines Textes auf einer Tafel der großen Landesausstellung 2007 in Karlsruhe, "Die ältesten Monumente der Menschheit"

4.4. Ideologieverdacht

Zum Schluss

ANHANG

Beteiligte Forschungsgebiete

ANHANG Lebenswerke:

Marija Gimbutas

Marie E.P.König

Gerda Lerner

 

 

4...MATRIARCHAT - MATRIFOKALITÄT - WELCHER WUNSCH IST WIRKLICHKEIT ?

(Juni 2009: Großes UPDATE von: Matriarchat - Wunsch ist Wirklichkeit)


EINFÜHRUNG

Çatal Höyük wurde berühmt, weil die Thesen des Archäologen James Mellaart der Matriarchatsforschung neuen Aufwind brachten. Er postulierte, dass die Frauen von Çatal Höyük eine bedeutendere Rolle als die Männer gespielt haben müssten, und er glaubte, sie hätten Macht innegehabt im Sinne von Unterdrückung.

Wie die Definitionen von STADT im ersten Teil dieser Arbeit deutlich machen, scheint ihm die Entwicklung zur Stadt nicht ohne das Mittel der Unterdrückung möglich. Der Stadtbaugeschichtler Lewis Mumford geht noch einen Schritt weiter; er geht davon aus, dass STADT nur durch "männliches Genom", dessen natürlichen Inhalt er mit patriarchalen Klischees überfrachtet, möglich ist. Dem entspricht auch Mellaart, denn er sagt, dass im "Dorfe" Hacilar "die Männer den Listen der Frauen völlig unterworfen waren", wohingegen die Stadt Çatal Höyük von männlicher Potenz- bzw. Fruchtbarkeitssymbolik geprägt gewesen wäre; die zahlenmäßig sehr stark vertretenen Bukranien und Stier-Bildnisse wurden von ihm in dieser Weise gedeutet. Um so unverständlicher ist, dass er angesichts dieser Deutung Çatal Höyük überhaupt als eine von Frauen dominierte Stadt betrachtet. Er kann also seine Beobachtungen vor Ort nicht mit seinen Thesen in Einklang bringen, mehr noch, seine Thesen widersprechen sich sogar.

So ergeht es in den folgenden Jahrzehnten unzähligen ForscherInnen, die versuchen, die vorpatriarchale Zeit zu verstehen, sich aber nicht von den Voraussetzungen lösen können, die zu den widersprüchlichen, unlogischen ja abenteuerlichen Gedankengebäuden führen. Dieses Phänomen hat seine Ursachen zum einen in einer nicht allgemein vereinbarten Begrifflichkeit (Nomenklatur). Diese ist ja Voraussetzung für jede seriöse Wissenschaft. Zum anderen herrscht allgemeine Unkenntnis oder Ignoranz gegenüber der eigenen Forschungsgeschichte, im Verlaufe derer sich Bedeutungen gewandelt haben. Kommt es dann zu einem wissenschaftlichen Disput, wird nicht nur aneinander vorbeigeredet, sondern die herrschende Lehre kann die Mißtände ausnutzen, um unliebsame Thesen ins Abseits zu stellen oder schlimmer noch, lächerlich zu machen.

Dieses Kapitel soll nun helfen, die angesprochenen Probleme beheben. Zunächst empfehle ich, sich auf eine einheitliche, soziologische Nomenklatur zu einigen. Die Soziologie liefert uns bereits klare Definitionen, die aber in der Kulturgeschichte leider unzureichend wahrgenommen werden. Darauf aufbauend habe ich in Abschnitt 4.2. eine kleine Geschichte der Erforschung der Matrifokalität herausgearbeitet, der ich die Geschichte der Matriarchatsforschung fortan unterordnen möchte, und die in ihrer Kürze den problematischen Bedeutungswandel des Begriffes Matriarchat und die damit verbundene veränderte Wertung darstellt, die eine nicht vorhandene oder ignorierte Nomenklatur verursachen. Anschließend zeige ich an einem Beispieltext in Abschnitt 4.3. auf, wie aus diesen Mißtänden ideologischer Profit gezogen wird. In Abschnitt 4.4. spreche ich darüber wie mit der Ideologie des Patriarchats umzugehen ist. Dieser Abschnitt eignet sich natürlich auch zur Selbstreflexion.

 

4.1. Begriffsklärung

Der Begriff Matriarchat wird wie kaum ein anderer missverständlich und missbräuchlich verwendet. Daher gelingt es der herrschenden Lehre immer wieder, die Existenz nicht patriarchal lebender, matrifokaler Gemeinschaften als unmöglich hinzustellen. Ein Matriarchat, korrekt mit "Mutterherrschaft" übersetzt, lässt sich tatsächlich nirgends archäologisch nachweisen. Auch durch Analogieschlüsse und mythologische Indizien ist in der Urgeschichte kein Matriarchat bzw. eine matriarchale Gesellschaft rekonstruierbar. Dennoch existieren noch in der Gegenwart matrilineare, matrilokale Gemeinschaften, deren Existenz auf die urgeschichtlichen Verhältnisse vor der Bildung patriarchaler Gesellschaften zurückgeht, die MATRIFOKALITÄT, auch Matronat oder matristische Gemeinschaft genannt werden können.

Auch die Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft werden meist unkritisch synonym verwendet. In der Soziologie sind Gemeinschaften jedoch durch Gemeinschaftseigentum, Konsens und Herrschaftsfreiheit definiert. Gesellschaften hingegen beruhen auf Herrschaft mit Privateigentum und durchgesetzter sozialer Arbeitsteilung. Wir müssen also von egalitären, matrifokalen Gemeinschaften sprechen, wenn wir jede Verwechslung mit Herrschaft ausschließen wollen.

Neben dem Begriff Matriarchat existieren auch die Begriffe Mutterrecht und Gynaikokratie (Frauenherrschaft), die sich als Namengeber aber nie durchsetzen konnten. Auch der Begriff Mutterrecht ist unpräzise und wird ebenso häufig wie "Matriarchat" für eine egalitäre Lebensweise verwendet. RECHT setzt jedoch eine Rechtsordnung voraus, die von Herrschaftsstrukturen durchgesetzt werden muss.



4.2. Kleine Geschichte der Erforschung der Matrifokalität

Die weltweite Geschichte der Erforschung der Matrifokalität hat bis heute 7 Erkenntnisphasen durchlaufen, zu denen die Geschichte der Matriarchatsforschung aber dazugehört. Sie sind in Kürze in der folgenden Übersicht dargestellt, wie sie sich mir nach 20 Jahren Erfahrung mit Matriarchatsforschung und mit Urgeschichtsforschung darstellen. Eine exakte zeitliche Einordnung findet hier nicht statt, da die Übergänge im Erkenntnisprozess natürlich fließend sind. Weiter unten folgt die Präzisierung der 7 Phasen sowie ein für die Rezeption der Matriarchatsforschung beispielhafter Text.


Erkenntnisphase 1: Johann Jacob Bachofens "Das Mutterrecht". Gynaikokratie als überwundene niedere Stufe menschlicher Kultur.

Erkenntnisphase 2: Lewis Henry Morgans Befunde und die Rezeption im Marxismus. Matriarchat als Urkommunismus.

Erkenntnisphase 3: Bachofens Mutterrecht und die Rezeption im Rechtsextremismus. Rückschritt: Das gute Patriarchat, das schlechte Matriarchat.

Erkenntnisphase 4: Feministische Matriarchatsforschung, Patriarchatskritik und die Vereinnahmung der Urgeschichtsforschung und Archäologie. Das gute Matriarchat. Das unbewusste Matriarchat C.G. Jungs.

Erkenntnisphase 5: Ideologische Kritik der Matriarchatsforschung, Patriarchatsforschung gewinnt an Bedeutung. Weder ein schlechtes Matriarchat noch ein gutes Matriarchat finden in der herrschenden Wissenschaft Anklang.

Erkenntnisphase 6: Forderung der Frauenforschung nach mehr Objektivität und Demokratisierung archäologischer Befunde und Vereinnahmung der Frauenforschung durch die etablierte Wissenschaft. Stillstand der Matriarchats- und Patriarchatsforschung.

Erkenntnisphase 7: Patriarchatsforschung im Auftrieb: Patriarchatskritik an System und SystemträgerInnen gestern und heute. Natürliche Matrifokalität und unnatürliches Patriarchat.

 

4.2.1. Die 7 Phasen der Geschichte der Erforschung der Matrifokalität

Erkenntnisphase 1:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen erste Funde weiblicher Figurinen aus der Altsteinzeit die wissenschaftliche Welt aufmerken. Wurden die Figurinen auch zunächst als Pornographie abgetan oder belächelt, veränderten sie dennoch die Sicht auf die Menschheitsgeschichte. Johann Jakob Bachofen begründete 1861 die Matriarchatsforschung mit seinem Werk "Das Mutterrecht". Er baute seine Theorie auf der Mythologie sowie auf Reiseberichten der ersten EthnologInnen auf. Er prägte allerdings nicht den Begriff Matriarchat (Mütterherrschaft), sondern sprach von Gynaikokratie (Frauenherrschaft), deren Prinzip das Mutterrecht sei. Sie und die Ehe seien von sexuell drangsalierten Frauen zu ihrem Schutze eingeführt worden. Dies sei gegenüber der niedrigeren Kulturstufe, die von "Sumpfzeugung" geprägt gewesen wäre, schon ein Fortschritt gewesen. Damit bekannte er sich natürlich zum Patriarchat, wurde aber dennoch aus dem Kreis der etablierten Wissenschaft ausgeschlossen.

Erkenntnisphase 2:

Der Begründer der Ethnologie Lewis Henry Morgan, schrieb 1877 sein wichtigstes Werk "Ancient Society". Er ging davon aus, dass die frühen Menschen nur Gemeinschaftseigentum kannten und gleichberechtigt lebten. Erst 1885, nach seinem Tod, ist der Begriff "Matriarchat" erstmals in der Literatur zu finden. Friedrich Engels sowie August Bebel und Klara Zetkin waren von Morgan inspiriert. Die Zeit des sog. Urkommunismus wurde nun positiv bewertet. Die Forderung nach Gleichberechtigung der Frau im Sozialismus war darin begründet. In den Ostblockstaaten wurde die volle Berufstätigkeit der Frau aus dem Sachzwang heraus, die marode Wirtschaft anzukurbeln, tatsächlich umgesetzt. Das Patriarchat wurde damit aber nicht abgeschafft.

Erkenntnisphase 3:

Die vermeintliche Überwindung des "schlechten" Matriarchats nach Bachofen durch das "gute" Patriarchat ließ sich in die Ideologie des patriarchalen Nazi-Regimes einpassen. Mutterkreuz und Lebensborn waren Institutionen, die aus dieser Quelle schöpfen. Die unter dem männlichen Pseudonym "Sir Galahad" bekannte, eher unpolitische Bertha Eckstein-Diener schrieb mit ihrem noch heute oft zitierten Buch "Mütter und Amazonen" 1932 die erste universale weibliche Kulturgeschichte, in der sie die "seit Bachofen lawinenartig niedergegangenen Einzelstudien der einzelnen Wissenschaftszweige" zusammenfasste. (Sir Galahad 1996: aus dem Nachwort von Sibylle Mulot-Déri, S.387) Das Buch wurde im Nationalsozialismus nicht verboten. Die Matriarchatsforschung Bachofens wird bis heute von rechtsextremen Zirkeln aufgegriffen.

Erkenntnisphase 4:

Weder die Existenz eines Matriarchats als "Frauenherrschaft" noch die als egalitäre Gesellschaftsform wollten in die patriarchale Nachkriegsideologie passen. Frauen, die etwas zu sagen haben, waren ebenso unerwünscht, wie eine egalitäre Gesellschaft. Damit durfte es weder ein "gutes" noch ein "schlechtes" Matriarchat gegeben haben, es hätte der Männerherrschaft die natürliche Legitimation genommen. Von jetzt an war die Matriarchatsforschung für etablierte Wissenschaftler, die "die etwas auf sich halten" Tabu. Die Tatsache der Rezeption durch die links- und rechtsextreme Ideologien reichte als Begründung.
Aber die Wissenschaft erlebte mit den 1968ern eine Zeit des Aufbruchs und die gestiegene Mobilität führte zu neuen Möglichkeiten. EthnologInnen machten Gesellschaften bekannt, in denen Matrilokalität und Matrilinearität gelebt wurden und noch heute werden. Die breite Öffentlichkeit erfuhr davon durch Reportagen in der Presse. Der Archäologe James Mellaart entdeckte in den 1960er Jahren Çatal Höyük und gab mit seiner Interpretation der Matriarchatsforschung unfreiwillig neuen Auftrieb. Die Urgeschichtsforschung begann damit, die archäologischen Spuren der Menschheit auf die Reste weiblichen Wirkens hin zu untersuchen. Die US-Professorin Marija Gimbutas prägte den Begriff "Altes Europa", mit dem sie die Jungsteinzeit vor der Invasion von Kurgan-Kriegern meinte, für die sie aber ein Matriarchat ausschloss (siehe im ANHANG). Dabei hat sie die enge Verbindung der Kultur Südost-Europas mit der Kleinasiens herausgearbeitet. Die Privatgelehrte Marie E.P. König (siehe im ANHANG) unternahm Forschungsreisen zu den Kulthöhlen der Ile-de-France und wurde mit der Neuinterpretation abstrakter Symbole als Darstellung einer Vulva berühmt. Die Geisteswissenschaften entdecken den Mythos neu und deuteten Märchen als Ausdruck des kollektiven unbewussten Matriarchats, der Schule C.G. Jungs folgend. Der Jung-Schüler und Bachofen-Anhänger Erich Neumann verfasste "Die Große Mutter - Dar Archetyp des Großen Weiblichen" und wurde von der Matriarchatsforschung in Wort und Bild vereinnahmt. Der Feminismus der 70er- und 80er Jahre griff diese Ergebnisse auf und interpretierte sie als Ausdruck eines "guten" Matriarchats in den frühen Kulturen. Der Begriff erlebte damit eine erneute Umdeutung. Eine eindeutige Stellungnahme zu dem Verständnis des Begriffes wurde jedoch zunächst nicht geliefert. Zu einer einheitlichen Lesart, die auch vor dem Elfenbeinturm Bestand hatte, konnte es nicht kommen. Manchen Feministinnen gefällt die Vorstellung einer Frauenherrschaft, andere lehnen Herrschaft als patriarchal ab. Der Ökofeminismus wollte im Matriarchat eine friedliche, aber von Frauen beherrschte Zeit sehen. Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth erklärte in ihrem Buch "Die Göttin und ihr Heros" den Ritus der Heiligen Hochzeit fälschlich als Ausdruck von Frauenmacht und kommt damit der Theorie Bachofens sehr nahe. Die Zusammenhänge von Herrschaft und Krieg wurden in der Friedensbewegung jedoch heiß diskutiert und eine neue Sicht auf eine egalitäre Zeit vor dem Patriarchat begann sich durchzusetzen. Heide Göttner-Abendroth übersetzt nun das Wort Matriarchat mit "am Anfang die Mütter" (arché = Ursprung). Eine solche willkürliche und spitzfindige Sinngebung des Begriffs Matriarchat ist nicht nur etymologisch abzulehnen, sondern hat zur allgemeinen Verwirrung erst beigetragen, denn im internationalen wissenschaftlichen Gebrauch ist matri-archy, wie mon-archy eindeutig auf Herrschaft und nicht auf Ursprung bezogen und matri-archy wird immer als Polaritätsbegriff zu patri-archy verwendet.

Erkenntnisphase 5:

Uwe Wesels "Der Mythos vom Matriarchat - Über Bachofens Mutterrecht und die Stellung der Frauen in frühen Gesellschaften vor der Entwicklung staatlicher Herrschaft" wird zum meistzitierten Buch der Matriarchatskritik. Wesel stellt zutreffend dar, dass in der historischen Realität Matriarchate nicht existiert haben, sondern dass es sich um Mythen handelt (z.B. Amazonen). Aber er folgt unkritisch der herrschenden Lehre, die matrifokale Sozialverbände, wenn überhaupt als solche wahrgenommen, als Ausnahmeerscheinung des Neolithikums abhandeln und erledigen möchte. Das Patriarchat, die Kleinfamilie, hat die natürliche Lebensform der Menschheit zu sein. UrgeschichtsforscherInnen, die der Matriarchatsforschung Material liefern, werden als Matriarchatsforscherinnen bezeichnet und gemobbt. Die Urgeschichtsforscherin und Archäologin Marija Gimbutas lehnte wie Marie E.P. König diese Bezeichnung für sich ab. Sie verwendete den Begriff Matriarchat ganz bewusst nicht, um nicht die Assoziationen, die mit dem Begriff Patriarchat verbunden sind, heraufzubeschwören. Sie bevorzugte den Begriff matristische Gesellschaft, die für die matrilokale und matrilineare Lebensweise der Urgesellschaft, wie sie sie erkannt hat, steht. Es gibt nur wenige Beispiele einer wohlwollenden, aber sachlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff "Matriarchat". Die US-Forscherin Gerda Lerner hat versucht, den Kern der Matriarchatsforschung stehen zu lassen, nämlich, dass das Patriarchat nicht die natürliche Lebensweise der Menschheit ist. Für sie ist und bleibt das Wort Matriarchat unwissenschaftlich. Weitgehend von ideologischem Ballast befreit hat sie neu angefangen, und beruhend auf archäologischen und religionswissenschaftlichen Fakten eine Kulturgeschichte der Unterdrückung der Frau verfasst. Leider hat Gerda Lerners Werk in der deutschen Matriarchatsforschung bei Weitem nicht die Beachtung erfahren wie in den USA. Im Internet entstehen zahlreiche Portale zur Matriarchatsforschung. Die Deutschamerikanerin Hannelore Vonier entwickelt seit Einführung des Internets die Portale matriarchat.net und matriarchat.info, die sich zu den wichtigsten Diskussionsplattformen entwickelt haben.

Erkenntnisphase 6:

Der Vormarsch feministischer Wissenschaft war nicht mehr aufzuhalten. Auch ForscherInnen der traditionellen Sichtweise kommen seit dem nicht mehr um archäologische Funde, deren Beweislast geradezu erdrückend ist, herum. So ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen, als Vertreterinnen dieser neuen Sicht an Forschungsprojekten beteiligt werden, wie es insbesondere bei den neuen Ausgrabungen in Çatal Höyük der Fall ist. Der Grabungsleiter Ian Hodder bestätigt James Mellaarts archäologische Befunde. Er räumt in seinem Aufsatz zur "reflexiven Ausgrabungsmethodologie" ein, dass die Kritik der Frauenbewegung an der Zur-Verfügung-Stellung von Ausgrabungsbefunden im Internet ernst zu nehmen ist. Danach sind Daten, die weiter gegeben werden, bereits durch die Auswahl interpretiert. Trotzdem sieht er "Objektivität, Distanz und Neutralität, die die archäologische Methode für sich geschaffen zu haben glaubt", offenbar angegriffen. Er sieht eine Lösung für das Problem darin, mehr zu tun als Beschreibung und Interpretation zu trennen zu versuchen. Das sei sowieso nicht möglich, da Beschreibungen nie völlig objektiv sein können. Dazu sieht er Herausforderungen einerseits darin, die "zentrale Rolle der Interpretation im eigentlichen Prozess der Konstruktion von Daten zu akzeptieren", andererseits, "Interpretation im primären Stadium einzuführen an der Spitze der Grabungskelle". Hodder stellt die Ausgrabungsbefunde der breiten Öffentlichkeit im Internet zur Verfügung, damit ist demokratische Kulturwissenschaft erfunden. (aus: CD-ROM Çatal Höyük)
Die feministische Archäologische konnte also mit der Forderung nach mehr Objektivität erstmals überzeugen und fand so Eintritt in den Elfenbeinturm. Auch die Frauenforschung als neues Gebiet erhielt zunehmend mehr Gelder. Lesbische Forscherinnen entdecken die Frauenforschung für sich und nutzten sie zur Förderung der Integration: die Gender Studies waren erfunden. Das viele Geld in Frauenhänden weckte Begehrlichkeiten bei männlichen Forschern, die nun, da das Fachgebiet umgetauft war, mitforschen resp. Gelder beantragen konnten. Die männliche Konkurrenz stellte ein erneutes Problem dar. Forscherinnen hatten wieder nur dann eine Chance, wenn sie die Grundfesten des Patriarchats nicht erschütterten. Die Gender Studies standen dazu aber nicht im Widerspruch, denn die Grenzen der Geschlechter waren ja nun aufgehoben, in der Praxis bedeutete dass, dass Frauen an männliche Maßstäbe angepasst wurden. Der Girlsday wurde zur festen Einrichtung im Jahreszyklus. Eine neue Generation von Forscherinnen konnte sich jetzt mit Matriarchatskritik einen Namen machen. Bücher wie "Die Göttinnendämmerung" oder "Die Wolfsfrau im Schafspelz" griffen die Widersprüchlichkeiten der Matriarchatsforschung auf, vermischten die Phasen der Geschichte der Erforschung der Matrifokalität und spielten die vielfach unausgegorenen Argumente gegeneinander aus. Als links- oder rechtsradikal verunglimpft war der Matriarchatsforschung der Garaus gemacht. Auch diese Beweisführung war nicht schlüssig, manche Indizien waren sogar erfunden, aber die Bücher machten mit dieser Polemik hohe Umsätze. Das zeigte Wirkung. Kaum ein wissenschaftliches Buch auch weiblicher AutorInnen erscheint heute ohne den bekennenden Satz "Theorien, die diese Befunde als Ausdruck eines Matriarchats deuten, konnten sich nicht bestätigen." Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff findet dabei nicht statt. Es liest sich also wie ein Bekenntnis zum Patriarchat.

Erkenntnisphase 7:

In der Karlsruher Ausstellung "Die ältesten Monumente der Menschheit" (2007) wurde der Öffentlichkeit erstmals ein kleines "Bärensiegel" aus Çatal Höyük vorgestellt. Eine Mitarbeiterin Ian Hodders, Marion Cutting schreibt im Katalog, dass das Bärensiegel Anlass zu der Vermutung gäbe, dass viele Wanddarstellungen keine Göttinnen sondern Tiere seien, und somit "viele Theorien über die Muttergöttin" in Frage gestellt seien (siehe auch das Special auf dieser Homepage). Dieser Satz soll der Theorie zur Großen Göttin der Urgeschichtsforscherin Marija Gimbutas den Garaus machen (siehe im ANHANG), und ist zugleich der Höhepunkt der Kritik an der Matriarchatsforschung, aber vermutlich auch ein Zugeständnis an die türkische Regierung. Auf einer Tafel (siehe unten) der Ausstellung wird versucht zu beweisen, dass James Mellaarts These einer matrilinearen, egalitären Gesellschaft nicht tragfähig sei. Die geschickte Beweisführung dieses Textes vermengt alle Thesen der Geschichte der Erforschung der Matrifokalität und hinterlässt bei vielen BesucherInnen der Ausstellung Ärger aber auch totale Verwirrung. In den Vordergrund treten aber die Thesen der Gender Studies, die Annahme der Gleichstellung und Austauschbarkeit der Geschlechterrollen wird für Çatal Höyük postuliert.
Hannelore Vonier sieht in den monotheistischen Göttern nicht mehr die variierte Fortsetzung der Muttergöttin. Für eine nicht-patriarchale Göttin sieht sie keine Belege. "Matriarchale Stammesgesellschaften", wie sie sie nennt, hätten keine Götter in unserem Sinne gehabt, auch keine Wörter dafür in ihren Sprachen, sondern Ahnen- und Nicht-Ahnen-Geister.
Der Kulturwissenschaftler und Patriarchatsforscher Gerhard Bott legt 2009 mit dem Buch "Die Erfindung der Götter - Essays zur politischen Theologie" eine umfassende Patriarchatskritik vor, in der er nicht nur die Entstehung des Patriarchats bzw. die Institutionalisierung des Vaters erklärt. Er entlarvt die Methodik der Erhaltung desselben durch die patriarchale Wissenschaft. Er klärt erstmals die Begriffe Matrilokalität und Matrilinearität im Gegensatz zu Patrilokalität und Patrilinearität allgemein- und unmissverständlich, und reinigt die Begriffe von ideologischen Kontaminationen. Er zeigt auf, dass die frühe Menschheit matrifokal lebte und erklärt dies aus den biologischen Voraussetzungen und der Unkenntnis oder Nicht-Anerkennung der Vaterschaft. Durch die Verknüpfung von Patriarchatsforschung und Patriarchatskritik gelingt ihm die Beweisführung, dass die Herrschaft des Mannes über "seine" Frau sich erst auf der ökonomischen Grundlage der Domestikation und Zucht der großen Huftiere (Boviden) entwickelte. Darauf aufbauend erklärt er die Anpassung der Religion an die neuen gesellschaftlichen Bedingungen. Die Heilige Hochzeit erklärt er als Ausdruck der Heiligung der Sexualität, die im Interesse des Mannes lag, und die Grundlage war für die theologische Herabsetzung der altsteinzeitlichen Großen Göttin in der Jungsteinzeit. Der Ritus der Heiligen Hochzeit war demnach die feierliche Übergabe der kultischen Macht der Frau an die weltliche Macht des Mannes und besiegelte das Patriarchat. Diese Erkenntnis entzieht der Matriarchatsforschung nach Göttner-Abendroth (Phase 4) die Grundlage, liefert dafür aber den Beweis, dass das Patriarchat für mehr als 100.000 Jahre nicht die natürliche Lebensform der Menschheit war, sondern eine kulturelle Errungenschaft, deren Durchsetzung und Entwicklungsphasen der Autor beschreibt.


4.3. Methodik der etablierten Wissenschaft am Beispiel eines Textes auf einer Tafel der großen Landesausstellung 2007 in Karlsruhe, "Die ältesten Monumente der Menschheit"

FIGURINEN, DIE GROSSE GÖTTIN UND DAS MATRIARCHAT

1 Çatal Höyük erregte nicht zuletzt durch die dort gefundenen menschlichen Figurinen großes Aufsehen. 2 Aufmerksamkeit zog vor allem eine üppige weibliche Gestalt auf einer von zwei Leoparden flankierten Sitzgelegenheit auf sich. 3 James Mellaart bezeichnete die fülligen weiblichen Darstellungen als "Muttergottheiten". 4 Seine Interpretation nährte insbesondere außerhalb der archäologischen Forschung die Vorstellung, die Bewohner von Çatal Höyük hätten in einer egalitär und matrilinear organisierten Gesellschaft gelebt. 5 Als Beleg für diese Deutung zog man insbesondere die weiblichen Figurinen heran. 6 Häufig wurde suggeriert, es handele sich ausschließlich um Darstellungen von Frauen bzw. "Göttinnen". 7 Das ist nicht der Fall. 8 Ein Teil der Figurinen stellt Männer dar, andere zeigen gar keine geschlechtsspezifischen Merkmale. 9 Weitere Indizien für eine mutterrechtlich organisierte Gemeinschaft in Çatal Höyük fehlen. 10 Stattdessen mehren sich Hinweise auf eine Gleichstellung und Austauschbarkeit der Geschlechterrollen. 11 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Arbeitsteilung oder Ernährung lassen sich ebenfalls nicht feststellen. 12 Die Geschlechtszugehörigkeit bestimmte nicht über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft.

Im Folgenden sei dieser Text auf seine Fehler hin untersucht und korrigiert und damit seine Rhetorik dargestellt.

Satz 1: Çatal Höyük erregte nicht zuletzt durch die dort gefundenen menschlichen Figurinen großes Aufsehen.

Kommentar 1: Çatal Höyük erregte wegen seiner zahlreichen weiblichen Figurinen und seines hohen kulturellen Standards Aufmerksamkeit.

Satz 2: Aufmerksamkeit zog vor allem eine üppige weibliche Gestalt auf einer von zwei Leoparden flankierten Sitzgelegenheit auf sich.

Kommentar 2: Die Bedeutung der Figurine ist im Zusammenhang mit den anderen Figurinen, Wandgemälden und Stierbukranien zu sehen. Sie wird als "Göttin auf dem Leopardenthron" bezeichnet, die in dieser Anmutung, allerdings bekleidet, auch in späteren Kulturen als Kriegs- und Muttergöttin (z.B. Ishtar, Astarte) erscheint. Für kriegerische Auseinandersetzungen fehlen in Çatal Höyük jedoch die Belege.

Satz 3: James Mellaart bezeichnete die fülligen weiblichen Darstellungen als "Muttergottheiten".

Kommentar 3: Dies war nicht seine Idee, sondern er stützte sich auf die Vergleiche mit zahllosen Funden des Nahen Ostens und Ägyptens, die insbesondere mit der Erfindung der Schrift auch als solche eindeutig identifizierbar sind.

Satz 4: Seine Interpretation nährte insbesondere außerhalb der archäologischen Forschung die Vorstellung, die Bewohner von Çatal Höyük hätten in einer egalitär und matrilinear organisierten Gesellschaft gelebt.

Kommentar 4: Die Archäologie ist für die gesamte Kulturwissenschaft eine Hilfswissenschaft. Es handelt sich nicht um Vorstellungen, sondern um Thesen. Wie wir im letzten Satz erfahren werden, wird die egalitäre Lebensweise von Hodders Team bestätigt. Matrilinearität ist keine Organisationsform, sondern eine Verwandtschaftsbeziehung. Eine Gesellschaft setzt im soziologischen Sinne eine Herrschaftsstruktur voraus, die aber für Çatal Höyük nicht nachgewiesen werden konnte. Es muss also von Gemeinschaft gesprochen werden.

Satz 5: Als Beleg für diese Deutung zog man insbesondere die weiblichen Figurinen heran.

Kommentar 5: Darüber wer mit "man" gemeint ist, schweigen sich die Verfasser aus.
Dies ist zudem eine verzerrte Darstellung. Mellaart berief sich auch auf die Bestattungen. So fand er unter der Hauptplattform der Häuser jeweils weibliche Skelette. Dies konnte Hodder in den von seinem Team ausgegrabenen Planquadraten nicht bestätigen. Aber auch das ist kein Gegenbeweis, denn in matrilinearen Gemeinschaften betreiben die Männer Exogamie durch Matrilokalität, d.h. sie begeben sich vollständig in die Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft ihrer Sexualpartnerin oder sie suchen diese temporär in deren Sozialverband auf. Die letzte Variante wird praktiziert von den Mosuo, die die Matrilokalität auf eine sogen. "Besuchs-Ehe" beschränken, obwohl es sich bei dieser Praxis im soziologischen Sinne nicht um eine "Ehe" handelt. Auch bleiben die Brüder in der Lebens-und Wirtschaftsgemeinschaft ihrer Mutter und Geschwister, und ersetzen als sozialer Vater den biologischen Vater der Kinder der Schwestern.

Satz 6: Häufig wurde suggeriert, es handele sich ausschließlich um Darstellungen von Frauen bzw. "Göttinnen".

Kommentar 6: Dies ist eine persönlicher Eindruck der VerfasserInnen.

Satz 7: Das ist nicht der Fall.

Kommentar 7: Suggestiver Kurzsatz. Siehe Satz 6 und Kommentar zur Überschrift am Ende.

Satz 8: Ein Teil der Figurinen stellt Männer dar, andere zeigen gar keine geschlechtsspezifischen Merkmale.

Kommentar 8: Richtig, aber die Männer sind in den Plastiken extrem unterrepräsentiert. Sie finden sich vor allem auf den Wandmalereien, dort als bärtige Jäger. Mellaart grub nachweislich 41 anthropomorphe Skulpturen aus, von denen 33 (d.h.80%) eindeutig weiblich waren.

Satz 9: Weitere Indizien für eine mutterrechtlich organisierte Gemeinschaft in Çatal Höyük fehlen.

Kommentar 9: Die Bezeichnung "mutterrechtlich" ist hier fehl am Platze. Mutterrecht setzt eine Gesellschaftsordnung voraus, die gesetzgebend wirkt. Dafür finden sich keine Belege. Jetzt wird auch das Wort "Gemeinschaft" verwendet, das soziologisch aber von Gesellschaft zu trennen ist. Gemeinschaft und herrschaftliche oder hierarchische Organisation schliessen sich soziologisch aus. Daher können "weitere Indizien" auch nicht gefunden werden.

Satz 10: Stattdessen mehren sich Hinweise auf eine Gleichstellung und Austauschbarkeit der Geschlechterrollen.

Kommentar 10: Ein Unterschied zwischen "Egalität" und "Gleichstellung der Geschlechterrollen" wird nicht dargestellt. Die Gender Studies vereinnahmen Çatal Höyük, um ihre Versuche, die Geschlechtergrenzen der Gegenwart aufzulösen, zu untermauern. Für die "Austauschbarkeit von Geschlechterrollen" bleiben aber die VerfasserInnen Beweise schuldig.

Satz 11: Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Arbeitsteilung oder Ernährung lassen sich ebenfalls nicht feststellen.

Kommentar 11: Diese Behauptung ist unzutreffend. In den Wandbildern sind nur Männer als jagend dargestellt. Der Tötungsvorgang ist offenbar Männersache, denn die dort auch abgebildeten Frauen tragen keine Jagdwaffen, sondern tanzen oder übernehmen eine andere Verantwortung im Rahmen der Jagd, die nicht genau erkennbar ist. Mit "Ernährung" ist die Diskussion über Dominanz tierischer oder pflanzlicher Nahrung gemeint. Oft wird als Beleg für die vermeintliche Dominanz der altsteinzeitlichen Männer die vermeintlich überragende Bedeutung der Jagd, bzw. der tierischen Nahrung und der männlichen Arbeitsleistung herangezogen. Eine egalitäre Gemeinschaft kennt nur Gemeinschaftseigentum aus der gemeinschaftlichen Jagd, Kleintierjagd, Ernte und Sammelleistung. Über die Dominanz eines Geschlechtes lässt sich daraus natürlich nichts ableiten, auch wenn der Anteil der pflanzlichen Nahrung um die 75% betrug.

Satz 12: Die Geschlechtszugehörigkeit bestimmte nicht über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft.

Kommentar 12: Die Archäologie kann darüber keine Aussage treffen. Der soziologische Begriff "Rolle" meint die gesellschaftliche Stellung und die ihr zugehörigen arbeitsteiligen Aufgaben. In einer egalitären Gemeinschaft beruht die Arbeitsteilung auf geschlechtspezifischen Fähigkeiten und biologischen Anforderungen. Letztlich bestätigt dieser Satz die Annahme einer egalitären, matrifokalen Gesellschaft, gegen deren Existenz kein Fund von Çatal Höyük spricht. Çatal Höyük befindet sich am Übergang von der matrifokalen Wildbeutergemeinschaft zur neolithischen Ackerbaukultur. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung der Männer als Jäger und der Frauen als Hackbäuerinnen wurde im Kommentar zu Satz 11 schon festgestellt.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Überschrift: Figurinen, die Große Göttin und das Matriarchat

Kommentar 13: Der Begriff "Matriarchat", der ausschließlich in der Überschrift verwendet wird, dient offensichtlich dem Zweck, den BesucherInnen der Ausstellung den Glauben zu vermitteln: Da es kein Matriarchat (wie inzwischen allgemein bekannt) gab, hat es in Çatal Höyük auch keine Matrilinearität des Verwandtschaftssystems und somit keine Matrifokalität der Gemeinschaften gegeben.
Auf jeden Fall beweist die Beliebigkeit und Ungenauigkeit der Verwendung dieser Begriffe die mangelhafte Kenntnisse der AutorInnen über soziale Sachverhalte und gesellschaftswissenschaftliche Termini.

FAZIT: Als Wissenschaft getarnte Ideologie gewürzt mit geschickter Polemik macht aus Çatal Höyük eine patriarchale Gemeinde, für die aber die Belege gänzlich fehlen.

4.4. Ideologieverdacht

Kein anderer Forschungsgegenstand ist wie die Urgeschichte gefährdet, ideologischen Absichten zu unterliegen, denn ihre Erforschung trifft ins Mark unserer Gesellschaft. Die Geschichte der Erforschung der Matrifokalität ist genauso untrennbar mit der Erforschung der Entstehung des Patriarchats verbunden wie sie sich mit den zeitgenössischen patriarchalen Strukturen auseinandersetzen muss. Der Forschungsgegenstand Patriarchat möchte sich seiner Erforschung entziehen, da er befürchtet, dass dies seinen Untergang bedeuten könnte. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass ausnahmslos alle ForscherInnen in einer Gesellschaft leben, die auf der Ideologie des Patriarchats beruht. Sie können sich von den unbewußten Auswirkungen nicht vollkommen befreien. Ebenso wie ein Fotoapparat keine Bilder von sich selber liefern kann und soll, werden patriarchale Strukturen keine ideologiefreie Geschichte menschlichen Daseins liefern. Um aber zu einem weitgehend objektiven Bild zu kommen, muss also zunächst jeder Forscher und jede ForscherIn die eigene Motivation, aber auch die Aufgabenstellung hinterfragen. Leider ist die universitäre Wissenschaft von Geldgebern abhängig, so dass wir nie sicher sein können, ob die Forschungsergebnisse stimmen.

Mit der Zusammenschau aller Befunde läßt sich der Originalzustand oder die Lebensweise einer Epoche rekonstruieren. Dies erforderte vor der Entwicklung naturwissenschaftlicher und soziologischer Methoden enorme Vorstellungskraft und Phantasie, führte aber für die Urgeschichte zu einer Flut von Thesen, die als "Stand der Wissenschaft" das Bild von der Welt bis heute prägen. Wir kommen heute mit kriminalistischen Mitteln der Wahrheit näher. Im Wege stehen nun aber Denkmäler, Päpste und ganz profan, der Wunsch eine Dauerstelle zu bekommen.

Geschichte ist immer Spiegel dessen, was der Geschichte(n)schreiber für würdig erachtet aufgeschrieben zu werden und dessen, wie er die Geschichte sieht. Bevor in der Wissenschaft über Methodik diskutiert wurde, war dem Betrug, also der Geschichtsklitterung Tür und Tor weit geöffnet. Da für die Urgeschichte keine primären Textquellen vorliegen, können nur spätere, patriarchal kontaminierte Texte untersucht werden. Die ersten geschichtsschreibenden Texte der Menschheit sind neben Königslisten, Gesetzestexten und Herrscherstelen die Mythen. Verwenden wir Sekundärquellen, also Forschungsberichte im weitesten Sinne, sind auch diese aus ihrer Zeitgeschichte heraus zu betrachten. Dabei dürfen wir uns nicht scheuen, wenn nötig, quellenkritisch Denkmäler und Päpste zu stürzen.

Wird ein Artefakt aus seinem Kontext gerissen, besteht die große Gefahr der Projektion heutiger Haltungen auf den Gegenstand. Ein gutes Beispiel dafür liefert der Fund der ältesten Darstellung (35.000 v. heute) eines Menschen, die "Venus von Hohlen Fels". Sie löste bei Presseleuten und auch beim Ausgrabungsleiter vor allem sexuelle Phantasien aus. Solche wurden auch dem "Künstler" unterstellt, der "selbstverständlich" nur ein Mann sein konnte. Bevor er sich gänzlich in Grund und Boden redete, flüchtete sich der Ausgrabungsleiter in eine dümmliche Ausrede: Er sei ja nicht dabei gewesen. Dieses Totschlagargument können wir aber auch für die Geschichte vor unserem Geburtsdatum und unserer Haustür anwenden. Damit wäre alle Forschung überflüssig. Glücklicherweise sind wir nicht angewiesen auf die phantasievollen Interpretationen der Archäologie, die sich in diesem Beispiel einmal mehr als Hilfswissenschaft outet.



Zum Schluss

Vielleicht fällt es manchen, die unter Matriarchat eine herrschaftsfreie, egalitäre Zeit verstehen wollen, nun leichter sich von diesem liebgewonnenen Begriff zu trennen, um dazu beizutragen, die Debatte auf eine wissenschaftliche, nicht mehr ideologieverdächtige Basis zu stellen. Wird dies beherzigt, kann auf die Rhetorik der herrschenden bzw. patriarchalen Wissenschaft angemessen reagiert werden.

ZUM LITERATURVERZEICHNIS

 

ANHANG Beteiligte Forschungsgebiete


Die Matriarchatsforschung hat stets auch für sich in Anspruch genommen, Urgeschichtsforschung zu sein, weil sie archäologische und paläoanthropologische Befunde in ihre Thesen mit einbezieht. Anders herum haben viele UrgeschichtsforscherInnen, deren Arbeit von der Matriarchatsforschung rezipiert wurde, stets verneint, MatriarchatsforscherInnen zu sein. ForscherInnen, die Matrifokalität untersuchen, können und müssen sich aller Wissenschaften bedienen, um ihre These zu untermauern! Umso erfreulicher ist, dass gerade jede der hier kurz erläuterten, messenden Naturwissenschaften Indizien für die Existenz urgeschichtlicher Matrifokalität verifiziert hat oder dazu beitragen kann, diese zu verifizieren.

Die Archäologie entwickelt Grabungstechniken, mit denen sie fundträchtige Orte untersucht. Sie birgt Artefakte und Bauteile, die in kunstgeschichtlichen Zusammenhang gestellt werden müssen. Sie entwickelt dafür Ordnungssysteme und unter Zuhilfenahme physikalischer Methoden ordnet sie Funde zeitlich ein. In Zusammenarbeit mit Anthropologie und Biologie birgt die Archäologie menschliche, tierische und pflanzliche Überbleibsel und lässt diese auswerten. Zu den Aufgaben der Archäologie gehört auch die Konservierung der Funde unter Zuhilfenahme chemischer und physikalischer Methoden. Die Befunde archäologischer Forschung werden aufbereitet und der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Auswahl der Fundorte und Funde bedeutet bereits eine erste Interpretation bzw. Wertung.

Die Sprachwissenschaften, die in letzter Zeit stark mit der Genetik zusammenarbeiten, versuchen den Stammbaum der Sprachen zu beschreiben und zu lokalisieren. Die Forschung erhofft sich davon Erkenntnisse über die Wanderungsbewegungen der Menschheit. In der Sprache und im Ausdruck wird nach kulturell bedingten Ausprägungen gesucht, die eine Gesellschaft kennzeichnen.

Die Ethnologie bzw. Völkerkunde beobachtet und beschreibt gegenwärtige menschliche Lebensweisen. Aus früheren und aktuellen Beobachtungen wird versucht, die Entwicklung einer Ethnie darzustellen. Die Ethnologie hat inzwischen eine eigene Forschungsgeschichte, die die großen Schwächen historischer ethnologischer Befunde deutlich macht. Hier wären vor allem die Berichte der Missionare zu nennen. Analogieschlüsse von der Völkerkunde auf die Urgeschichte werden gezogen, sind aber äußerst problematisch, auch weil sich die natürliche Lebensweise der Art Mensch mit der Entstehung des Patriarchats vollkommen wandelte, und kein Volk und keine ForscherIn mehr frei ist von patriarchaler Kontamination.

Die Ethologie, allgemein die Lehre vom Verhalten, versucht die instinktiven, angeborenen Verhaltensweisen des Menschen herauszuarbeiten, untersucht menschliches Verhalten im kulturellen Umfeld und vergleicht beides miteinander. Sie bedient sich u.a. medizinisch-physiologischer und psychologischer Methoden. Die Befunde fließen auch in die Soziologie ein. Die Soziologie liefert den Kulturwissenschaften Modelle und - wie bereits erwähnt - Begriffe für Formen menschlichen Zusammenlebens. In den siebziger Jahren hat sich im Bereich der Soziologie ein neuer Zweig gebildet, der früher Frauenforschung genannt wurde, und jetzt unter der Bezeichnung Geschlechterforschung, resp. Gender-Studies zu finden ist. Die kurze Übersetzung für "Gender" lautet soziales Geschlecht. Eine geläufige Definition lautet wie folgt: "Gender bezeichnet ein komplexes, aus mehreren Einzelkomponenten bestehendes soziales Phänomen. Es beschreibt sowohl die gesellschaftlichen Erwartungen als auch die Verhaltensweisen und das Selbstverständnis von Personen in bezug auf ihr Geschlecht. Unter gender werden beispielsweise Geschlechterrolle, -identität, -varianz, -zuordnung, -status, und -ideologie zusammengefasst." (Brandt, Owen, Röder in: "Frauen Zeiten Spuren" 1998, S.19)
Gender-Studies fließen mittlerweile in alle Kulturwissenschaften ein. In der Archäologie bedeuten die Untersuchungen zu Gender für viele Funde, dass alle sie betreffenden kulturell bedingten Sehgewohnheiten, die mutmaßlich von Rollenklischees gekennzeichnet sind, ausgeklammert werden. Als Beispiel wären Grabbeigaben und anthropomorphe Figurinen, der Geschlecht nicht eindeutig erkennbar ist, genannt.

Die Sozialökonomie brachte u.a. die Erkenntnis hervor, dass die Lebensweise einer Gemeinschaft oder Gesellschaft auch die religiösen Vorstellungen prägt, und ist daher mit der Religionsgeschichte verbunden. Diese ist bemüht sich um die Erforschung des Phänomens Religion und der Theologie, macht aber keine Theologie. Theologie baut ein Gedankengebäude um religiöse Vorstellungen herum, kurzum schreibt vor, was Menschen glauben sollen. Theologie ist ein Phänomen des Patriarchats, ist politisch motiviert, kann daher auch als politische Theologie bezeichnet werden.

Die Märchenforschung sucht u.a. die Ursprünge der Motive aus Märchen in den Mythen. Damit ist die Märchenforschung von der Mythenforschung abhängig und darüber mit den Religionswissenschaften verbunden, denn Mythen beschreiben Entwicklungsvorgänge und Zustände religiöser Vorstellungen bzw. der Theologie. Im Märchen werden auch sog. Archetypen (nach C.G. Jung) herausgearbeitet und ihr Auftreten wird tiefenpsychologisch gedeutet. Im Verhalten der Protagonisten einer Erzählung wird also nach ursprünglichen Mustern gesucht und Reaktionen auf bestehende Schwierigkeiten darauf zurückgeführt.

ANHANG Lebenswerke

Marija Gimbutas (1921-1994)

Marija Gimbutas, Professorin für Archäologie an der Universität von Kalifornien, Los Angeles erreichte in der archäologischen Fachwelt durch ihr Lebenswerk Berühmtheit. Die Bedeutung ihrer Arbeiten wird z. B. mit der Entzifferung der Hieroglyphen verglichen oder mit den Ausgrabungen von Troja (J. Campbell/A. Montagu, aus einem Prospekt von Zweitausendeins, 1997), dementsprechend häufig wird sie zitiert.

Marija Gimbutas vertrat die Ansicht, dass die matristische Lebensweise in Alt-Europa mit der Indoeuropäisierung ab ca. 4500 v.u.Z. unterging. Sie bezeichnete die frühen IndoeuropäerInnen als Kurganvölker, benannt nach den für sie typischen Hügelgräbern, die in Russland Kurgane heißen. Die von ihnen zuerst domestizierten Pferde ermöglichten diesen nomadischen Hirtenvölkern nicht nur eine schnelle Einwanderung aus dem Osten, vermutlich vom Kaspischen Meer, der Wolgasteppe und dem Ural, sondern bedeuteten auch eine kriegerische Überlegenheit gegenüber den friedliebenden alt-europäischen UreinwohnerInnen.

Marija Gimbutas sah in der Tatsache, dass in den Kurganen auf alt-europäischem Boden fast ausschließlich Männer bzw. Fürsten bestattet waren, im Gegensatz zu den gleichberechtigten Bestattungen der Urbevölkerung, den Beleg für ihre These. Diese These ist jedoch umstritten. Natalia Polosmak vom Institut für Archäologie und Ethnologie der Akademie der Wissenschaften in Moskau sieht in dem 1996 in Sibirien gefunden Kurgan-Grab einer Schamanin der Pazyryk-Kultur den Gegenbeweis dafür. Die etwa 23-jährige Frau war geschmückt mit Tätowierungen in "Sonnenhirsch-Symbolik". Sechs goldbelegte Pferdegerippe und reiche Grabbeigaben würden sie als "Priesterin der Sippe mit königlichem Status" ausweisen. Dieses Kurgan-Grab zusammen mit einem anderen eines Kriegers, der mit gleicher Symbolik bestattet war, sprächen für eine Ausgewogenheit der Geschlechterrollen mit einer "frauenzentrierten Religion". Der Archäologe Colin Renfrew geht davon aus, dass die Indoeuropäisierung über Anatolien voran kam. Diese These konnten die Biologen Russell Gray und Quentin Atkinson mit einer Untersuchung des Stammbaums der indoeuropäischen Sprachen bestätigen. Der Linguistiker Harald Haarmann und der Genetiker Luigi Cavalli-Sforza können die These Marija Gimbutas' bestätigen. Cavalli-Sforza, der dazu Gen-Untersuchungen anstellte, sieht aber eine Mischung beider Thesen als wahrscheinlich an.

Nicht geäußert hat sich Marija Gimbutas zu den Bandkeramikern Mitteleuropas. Die befestigten bandkeramischen Siedlungen lassen darauf schließen, dass bereits vor den Kurganpopulationen die rinderbäuerlichen und wohl bereits patriarchalen Bandkeramiker den Frieden gebrochen hätten.

In ihrem gelungenen Versuch einer Rekonstruktion der steinzeitlicher Glaubensvorstellungen, veröffentlicht z.B. in den Werken "Die Sprache der Göttin" und "Die Zivilisation der Göttin, klassifizierte Marija Gimbutas Muster, aber auch Formen von Keramiken, Figurinen und Wandbilder, deren Symbolik sie als Ausdrucks der Weltreligion der Grossen Göttin deutete. Ihre Arbeiten sind für die Deutung der Bildwerke Çatal Höyüks von grösster Bedeutung, welche sie stets in ihre Untersuchungen einbezog.

Marie E.P. König (1899-1988)

Marie E.P.König erforschte die Kulthöhlen Frankreichs vor Ort, und entdeckte dort die ältesten Spuren des steinzeitlichen Weltbildes. Dabei waren es nicht nur die berühmten Höhlen von Pech Merle oder Lascaux, deren Tierdarstellungen sie als Metapher für das weibliche Prinzip erkannt hat, sondern vor allem die weitgehend unbekannten und schwer erreichbaren Höhlen im Wald von Fontainebleau, in denen sie u.a. zum ersten Mal die Vulva-Symbolik in den von Menschen in den Fels gehauenen Zeichen erkannte und die Netzmuster und Linien, die dort ganze Wände und Böden überziehen als ersten Ausdruck einer Vorstellung von den Himmelsrichtungen deutete. Sie war es auch, die den Zusammenhang des Mondkultes mit der Stier-Symbolik erklärte.

Bemerkenswert ist dabei, dass Marie König erst mit 50 Jahren, nach dem Auszug der Kinder, begann, auf eigene Faust die Dinge zu erforschen, die sie seit ihrer Kindheit beschäftigten. Sie ist zwar in der feministischen Forschung anerkannt, wird aber in der übrigen Fachwelt namentlich ignoriert, da sie "nur" Autodidaktin war. Dennoch haben sich ihre Erkenntnisse, die sie in zahlreichen Büchern veröffentlichte, "herumgesprochen" und sind wie selbstverständlich in die Deutungsversuche anerkannter ForscherInnen eingeflossen. Dies betrifft vor allem ihre Arbeiten zur Vulva-Symbolik, die mittlerweile fester Bestandteil von Deutungsspektren geworden ist, wie sie auch von James Mellaart (s. 3.3.1.) auf die in Çatal Höyük gefundenen Bildwerke angewendet wuirde.

Marie E.P.König hat wie Marija Gimbutas stets darauf wert gelegt, nicht als Matriarchatsforscherin, sondern als Urgeschichtsforscherin bezeichnet zu werden. Beide bezeichneten sich ausdrücklich nicht als Feministinnen.

Gerda Lerner (geb. 1920)

Gerda Lerner ist eine österreichisch-amerikanische Historikerin, Dozentin und Autorin. In ihren jungen Jahren engagierte sie sich gegen den Faschismus und ging nach der Inhaftierung ins Exil in die USA. Für diese Zeit beschreibt sie sich als Mutter, Sozialistin und Kommunen-Aktivistin (Fireweed: a Political Autobiography, 2002). Sie veröffentlichte bald erste eigene Texte und schrieb Filmskripte. Durch den Krieg, das Exil und ihre Mutterschaft war ihre Ausbildung unterbrochen, und sie begann ihre Universitätslaufbahn später mit 46 Jahren. Mit wichtigen Forschungsarbeiten machte sie sich als feministische Historikerin einen Namen und erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Aufgrund ihres Einflusses und ihrer Ämter konnte sie die Darstellung weiblicher Geschichte an den amerikanischen Hochschulen reformieren. Seit 1990 ist sie emeritiert, publiziert aber bis heute und unterstützt zahlreiche Projekte (Harvard University Library, 2003).

Das Buch "Die Entstehung des Patriarchats" (1986) gehört zu ihrem Spätwerk als Universitätsprofessorin. Sie erklärt darin, warum das Patriarchat von Männern und auch Frauen geschaffen wurde, und nicht allein auf das Machtstreben von Männern zurückzuführen sei. Die patriarchale Familie war, so schreibt sie, Keimzelle archaischer Staaten. Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen sind, so erklärt sie, hier entstanden und die Sexualität der Frau wurde hier zum Tauschobjekt. Am Beispiel der frühen Staaten Mesopotamiens, ihrer Organisation und ihrer Religion, untersucht sie sehr eingehend die Entwicklung der Stellung der Frau und kommt zu sehr plausiblen und folgerichtigen Ergebnissen. Ein Ziel des Buches war auch, der Irrlehre vom Matriarchat nüchterne Wissenschaft entgegenzusetzen. Der Nachweis, dass das Patriarchat nicht naturgegeben ist, sondern aus dem wirtschaftlichen Wandel des Neolithikums hervorging, ist Gerda Lerner in besonderem Maße gelungen.


 

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