Kennst Du Çatal Höyük?
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Catal Höyük

Interpretation am Scheideweg
openbook von Gabriele Uhlmann

 

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Gabriele Uhlmann (Juni 2009)

 

Kapitel 4...MATRIARCHAT - WUNSCH IST WIRKLICHKEIT

Was die Protozoen beschlossen haben, kann nicht durch Parlamentsbeschluss annulliert werden.
(P.Geddes und Thomson: 'The Evolution of Sex' in: Sir Galahad 1996)

Einführung Teil II

James Mellaart hat richtig erkannt, dass die Frauen von Çatal eine bedeutendere Rolle als die Männer gespielt haben müssen, doch auch er ist dem Vorurteil verhaftet, sie hätten Macht innegehabt im Sinne von Unterdrückung:
Wie die Definitionen von STADT deutlich machen werden, scheint ihm, wie auch den anderen Autoren, die Entwicklung zur Stadt nicht ohne das Mittel der Unterdrückung möglich. Mumford geht noch einen Schritt weiter; er geht davon aus, dass STADT nur durch männliches Genom, dessen natürlichen Inhalt er wohl mit patriarchalen Klischees überfrachtet, möglich ist. Dem entspricht auch Mellaart in seiner Ansicht, dass im 'Dorfe' Hacilar "die Männer den Listen der Frauen völlig unterworfen waren", wohingegen die Stadt Çatal Höyük von männlicher Potenz- bzw. Fruchtbarkeitssymbolik geprägt war (gewesen zu sein scheint); die zahlenmäßig sehr stark vertretenen Bukranien und Stier-Bildnisse wurden von ihm in dieser Weise gedeutet. Um so unverständlicher ist, dass er angesichts dieser Deutung Çatal Höyük überhaupt noch als eine von Frauen dominierte Stadt betrachtet. Es scheint, dass er sich mit dieser Vorstellung nur widerstrebend anfreundet. dass es so 'schlimm' gar nicht gewesen sein muß, zieht er leider nicht in Erwägung. Damit mißversteht auch er den Begriff Matriarchat.

Was bedeutet Matriarchat ?

Der Begriff Matriarchat wird wie kaum ein anderer so bewußt mißverstanden, nämlich als 'Herrschaft der Mütter, resp. der Frauen über die Männer'. Mit diesem rhetorischen Schachzug gelingt es immer wieder, die Existenz matristischer Gesellschaften als unmöglich erscheinen zu lassen. Aber auch unbeabsichtigt führt das Wort in die Irre. Deshalb ist es an dieser Stelle notwendig, den Begriff zu erklären und darzulegen, wie er in der Matriarchatsforschung und damit auch in diesem Referat verwendet wird.

Die Urgeschichtsforscherin und Archäologin Marija Gimbutas verwendete den Begriff Matriarchat ganz bewußt nicht, um nicht die Assoziationen die mit dem Begriff Patriarchat verbunden sind, heraufzubeschwören. Sie bevorzugte den Begriff matristische Gesellschaft. (aus: B.M. Schulte 1995)

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth hat das Wort Matriarchat, das dem Wort Patriarchat gegenübergestellt wurde, anders übersetzt, um deutlich zu machen, dass es nicht darum geht, patriarchales Herrschaftsdenken auf diese völlig andere Gesellschaftsform zu projizieren. Sie schreibt: 'Der Begriff Matriarchat ist mit "am Anfang die Mütter" (arché = Beginn) zu übersetzen, während der Begriff Patriarchat als "Herrschaft der Väter" (arché = Herrschaft, spätere Bedeutung) korrekt übersetzt ist.'
Sie schreibt weiter: 'Heutige Versuche, den Begriff Matriarchat wegzulassen sind problematisch, denn erstens werden durch Ersatzbegriffe wie matrizentrisch, matristisch, matrifokal, gynaikokratisch-statisch, mutterrechtlich usw. nur einzelne Züge thematisiert, nie die Gesellschaftsordnung als Ganze, was deren Bild einengt. Zweitens werden diese verengenden und verzerrenden Begriffe dazu benutzt, die Existenz von Gesellschaften, die durchgehend von Frauen bestimmt waren, zu leugnen.' (aus: Chronik der Frauen, 1992)

Wissenschaftlich korrekt ist jedoch nur das Wortkonstrukt matristische Gesellschaft, für die die matrilokale, matrifokale Lebensweise nachgewiesen ist. Im Referat verwende ich den Begriff Matriarchat nur deshalb, weil es zu dem Adjektiv "matristisch" kein kurzes Substantiv gibt, das der Gesellschaftsform gerecht wird. Das denkbare Substantiv "Matristik" weckt allerlei andere Assoziationen, die hier nicht hingehören. "Matrismus" suggeriert, dass es sich um einen -ismus irgendwelcher Art handelt, also um eine von einer herrschenden Schicht eingeführte Ideologie. Die matristische Gesellschaft ist jedoch die nach der Verhaltensbiologie (Ethologie) natürliche Lebensform der Menschheit, die mit den Hilfswissenschaften, die in den folgenden Kapiteln erläutert werden, mit beinahe kriminalistischen Mitteln rekonstruiert werden kann.

In den Abschnitten 4.1. bis 4.5. finden auch LeserInnen, die mit diesem sehr weitgefaßten Thema noch nicht so vertraut sind, einen Überblick über die Matriarchatsforschung. 
Die heute Fächerübergreifende Matriarchatsforschung bedient sich der Forschungsergebnisse zahlreicher Disziplinen, vorgestellt in 4.1., die die Spuren des Matriarchats in der Vergangenheit und Gegenwart aufzudecken vermögen. Entgegen der allgemeinen klischeehaften Vorstellung haben von Anfang an Männer auf diesem Gebiet geforscht und immer wieder Anstoß zu neuen Entwicklungen, Erkenntnissen und Theorien, ob freiwillig oder nicht, wie auch Mellaart, gegeben.
Die Abschnitte 4.2. und 4.3. nehmen eine Abgrenzung der Begriffe Urgeschichtsforschung und Geschlechterforschung von der Matriarchatsforschung vor.

Ab 4.5. 'Sturz in den Untergrund' stelle ich vor, welche Entwicklung das Matriarchat schließlich nahm. Mögliche Antworten auf die viel diskutierte Frage, warum die ideal wirkende Lebensform des Matriarchats zerstört wurde, liefert Abschnitt 4.5.1.. dass das Matriarchat nicht nur in vereinzelten, abgelegenen Völkern noch überleben konnte, beweist Abschnitt 4.5.2..
In 4.6.1. gehe ich konkret auf Gebiet des heutigen Anatolien ein, wo neben der Bauweise vor allem mythische Traditionen Çatals weitergelebt (und -leben?) haben, und Einfluß auf die antike Welt ausübten. 
Kapitel 4 liefert lediglich eine Erklärung über den Ursprung dieser im Referat vorgestellten Erkenntnisse als Ergebnis des neuen Denkens, ist also eine Art Quellenübersicht.
Das Vorhandensein eines Kapitels speziell zum Matriarchat im allgemeinen soll darüber hinaus nicht den Eindruck erwecken, dass dies hier als Sonderthema neben den üblichen Forschungsergebnissen besprochen wird, wie es z.B. Heinrich Klotz in seinem Buch zu Çatal Höyük tut. Das neue Denken, das durch die Erkenntnisse der Matriarchatsforschung bzw. der feministischen Urgeschichtsforschung sowie der Geschlechterforschung im speziellen geprägt ist, kommt in diesem Referat wie gesagt überall zum Ausdruck! 

Dieses Kapitel steht bewußt nicht am Anfang dieser Arbeit, weil sie in erster Linie keine theoretische Abhandlung zum Thema Matriarchat ist, sondern die praktische Anwendung des neuen Denkens am Beispiel Çatal Höyüks, in einem Maße wie es bisher keine Veröffentlichung zu Çatal Höyük getan hat. Die Deutungsversuche der Vertreterinnen des neuen Denkens werden ab Kapitel 2 nicht nur vorgestellt, sondern sollen hier unbedingt ein Gegengewicht zu den bisher verbreiteten Theorien des alten Denkens bilden und damit aus dem Untergrund hervortreten.

Tatsächlich kommen auch ForscherInnen der traditionellen Sichtweise nicht mehr um diese bahnbrechenden Erkenntnisse, deren Beweislast geradezu erdrückend ist, herum. So ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen, als Vertreterinnen dieser neuen Sicht an Forschungsprojekten beteiligt werden, wie es insbesondere in Çatal Höyük der Fall ist. 
Ian Hodder zeigt erste Einsicht in seinem Aufsatz zur 'reflexiven Ausgrabungsmethodologie', indem er einräumt, dass die Kritik der Frauenbewegung an der Zur-Verfügung-Stellung von Ausgrabungsbefunden im Internet ernst zu nehmen ist. Danach sind Daten, die weiter gegeben werden, bereits durch die Auswahl interpretiert. Trotzdem sieht er 'Objektivität, Distanz und Neutralität, die die archäologische Methode für sich geschaffen zu haben glaubt', offenbar angegriffen. Er sieht eine Lösung für das Problem darin, mehr zu tun als Beschreibung und Interpretation zu trennen zu versuchen, was sowieso nicht möglich ist, dass Beschreibungen nie völlig objektiv sein können. Dazu sieht er Herausforderungen einerseits darin, die 'zentrale Rolle der Interpretation im eigentlichen Prozeß der Konstruktion von Daten zu akzeptieren', andererseits, 'Interpretation im primären Stadium einzuführen an der Spitze der Grabungskelle'. (aus: CD-ROM Çatal Höyük)

Das Material, das die urgeschichtliche Archäologie zutage fördert, paßt, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, faszinierend genau in das Puzzle der matriarchalen Geschichte. Dieser Tatsache wollen sich zahlreiche AutorInnen jedoch nicht öffnen, weshalb sie sich jetzt und hier den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gefallen lassen müssen.
Damit bleibt das Thema Matriarchat umstritten und gilt in traditionellen Fachkreisen weiterhin als empirisch nicht beweisbar, so auch für die breite Öffentlichkeit, die im Lexikon leider genau dieses nachlesen muß. Natürlich ist aus patriarchalem Blickwinkel keine andersartige Erfahrung machbar. Hier hat schon immer das Prinzip gegolten, dass nicht sein kann, was nicht sein darf . Dieser nicht nur traurige Umstand regt jedoch umso mehr an, die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben. Nicht zuletzt James Mellaart selbst hat durch seine Beobachtungen in Çatal Höyük und seinen Schlußfolgerungen daraus der, bereits im letzten Jahrhundert durch Bachofen begründeten und wieder in Vergessenheit geratenen, Matriarchatsforschung neue Nahrung gegeben. Nicht nur deshalb hat Çatal Höyük für die Matriarchatsforschung Symbol-Charakter.

4.1. Matriarchatsforschung

4.1.1. Namen, Quellen und Einflüsse

Die Matriarchatsforschung wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Johann Jakob Bachofen begründet, der mit seinem Werk 'Das Mutterrecht' u.a. Engels' Theorie zur matristischen Urgesellschaft beeinflusste. Die unter dem männlichen Pseudonym 'Sir Galahad bekannte Bertha Eckstein-Diener schrieb mit ihrem noch heute oft zitierten Buch 'Mütter und Amazonen' in den dreissiger Jahren die erste universale weibliche Kulturgeschichte, in der sie die "seit Bachofen lawinenartig niedergegangenen Einzelstudien der einzelnen Wissenschaftszweige" zusammenfasste. (Sir Galahad 1996: aus dem Nachwort von Sibylle Mulot-Déri, S.387)

Beide schöpften bei ihren Analysen überwiegend aus den rein lesbaren Quellen der Mythologie sowie aus Reiseberichten der ersten EthnologInnen.

Die Mythologien und auch Märchen aller Völker enthalten zahlreiche Spuren einer alten Religion und Gesellschaftsform, die trotz der "Einführung" des Patriarchats mit den grossen Weltreligionen nicht vollständig ausgetilgt werden konnte.

In den Mythologien aller Völker stehen am Anfang der Schöpfung ein oder zwei weibliche Wesen (dazu s. Gabriele Meixner 1995). Diese sind später dämonisiert worden und damit nicht mehr als solche erkennbar gewesen.

Paradies war der Name der Grossen Göttin als Jungfrau. Ihr Schoss war der Paradiesgarten, in dem nicht ein Gott, sondern eine Schlange wohnte. Einige Sprachen des Altertums gaben der Schlange den Namen Eva, was Leben bedeutet. Die Schlange ist als sich häutendes, erdnahes Tier ein Symbol für die Göttin, ihr Zeichen ist die sich aus- und einwickelnde (Lebens-) Spirale (Carola Meier-Seethaler 1993, S.186 ff, s.a. 3.1.6.). Sie ist aber auch ein phallisches Symbol, wenn sie nur in Begleitung der Göttin ist.

In der altjüdischen Mythologie war Lilith Adams erste Frau, die aus dem Paradies vertrieben wurde, weil sie bei der geschlechtlichen Vereinigung nicht unter Adam liegen wollte. Dem Mythos nach wurde sie von Gott durch Eva ersetzt. Aus der kanonischen Bibel verschwand sie, aber im jüdischen Aberglauben verfolgten Liliths Töchter, die lilim, als lüsterne Dämoninnen die Männer und hocken im Schlaf auf ihnen, in der in antiken Matriarchaten üblichen Stellung. (aus: Barbara Walker 1995, S.613)

Im babylonischen Schöpfungsmythos ist die Göttin Tiamat, dämonisiert als "der Drache des Chaos", der Ursprung der Schöpfung, obwohl der Stadt-Gott Marduk, der lediglich ihr Sohn war, Himmel und Erde geschaffen haben soll. (aus Barbara Walker 1995, S.1089 f)

Solche Verdrehungen wurden in patriarchaler Zeit vorgenommen, um den Göttinnen ihre Macht zu rauben, der Mythos der Genesis ist das bekannteste Beispiel.

Der Grossen Göttin in ihren Aspekten (s. unten) wurden bald Götter zugeordnet. Später wurde/n die Göttin/nen diesen als Ehefrau/en untergeordnet. Dazu trat ein Fülle weiterer neuer Göttinnen, die wiederum nur Teilaspekte der bereits dreifachen Göttin waren. Mary Daly nennt dies 'Zerstückelung' ('Gyn/Ökologie' 1991, siehe auch 4.5.1. und 4.5.3.). Die grossen Weltreligionen beendeten Schließlich diesen Prozess damit, dass sie die Göttin(nen) völlig "abschafften", indem sie Sie vermenschlichten oder ganz ignorierten.

Als Ergebnis gebären Götter Menschen oder Göttinnen (Gott/Adam, Zeus/Athene), indem Frauen aus Rippen von Männern geformt werden oder gar dem Kopf entspringen, eine sprichwörtliche Kopfgeburt! Und Menschenfrauen gebären göttliche Söhne wie Maria, die ursprünglich Grosse Göttin Kleinasiens war (s.a. 4.6.1.). Diese (Un-Natur-)Wissen-Schaft, im wahrsten Sinne des Wortes, war nur durch erhebliche Glaubensanstrengungen seitens der Bevölkerung zur Religion geworden. Es ist wenig erstaunlich, dass diese Verdrehung biologischer Tatsachen als Religion mit allen Mitteln der Gewalt durchgesetzt wurde. Die Naturreligion, die sich von selbst erklärte, d.h. ohne Dogmen etc., wurde degradiert und verteufelt. Der (ursprüngliche) Hexenglaube wurde Schließlich zum Hexenwahn, der sich als Paradoxon zum Glauben von der Allmacht Gottes nur durch völlige Verdrehung der Köpfe durchsetzen konnte.

Dazu ein Zitat aus einem Kriminalroman:

"Entschuldige, Chiara", sagte Paola. Chiara warf ihr einen kurzen Blick zu, löste das letzte Stück Schale von ihrem Apfel ab und legte es ihrer Mutter auf den Teller. Brunetti fand es an der Zeit, die Verhandlung fortzuführen. "Warum willst du dich vom Religionsunterricht abmelden, Chiara?" "Raffi hat recht. Es ist Zeitverschwendung. Ich konnte den Katechismus schon nach einer Woche auswendig, und jetzt müssen wir ihn nur immer wieder aufsagen, wenn er uns aufruft. Langweilig ist das, und in der Zeit könnte ich lesen oder meine Hausaufgaben machen. Aber das schlimmste ist, dass er es nicht mag, wenn wir Fragen stellen." "Was denn für Fragen?" erkundigte sich Brunetti, nachdem er das letzte Stück Apfel von Chiaras Apfel angenommen und ihr Gelegenheit gegeben hatte, einen neuen zu schälen. "Zum Beispiel", sagte sie, ganz auf ihr Messer konzentriert, "hat er heute gesagt, dass Gott unser Vater ist, und dabei immer so von ihm gesprochen wie von einem Mann. dass hab ich mich gemeldet und gefragt, ob es stimmt, dass ein Geist sich von einem Mensch dadurch unterscheidet, dass er keinen Körper hat und überhaupt ohne Materie ist. Und als er das auch bejahte, hab ich gefragt, wieso Gott denn dann ein Vater, also ein Mann sein soll, wenn er doch ein Geist ohne Körper ist."  Brunetti warf einen Blick über Chiaras gesenkten Kopf hinweg, aber zu spät; Paolas Gesicht zeigte keine Spur eines triumphierenden Lächelns. "Und was hat Don Luciano darauf gesagt?" "Oje, wütend ist er geworden und hat mich angebrüllt, dass ich mich aufspielen wollte." Sie hob ihren Kopf und sah Brunetti an, vergass für einen Moment ihren Apfel. "Aber das stimmte gar nicht, papà. Ich wollte es nur wissen. Das finde ich nämlich unlogisch. Ich meine, Gott kann doch nicht beides sein, oder?"

aus: Donna Leon, Sanft entschlafen. Commissario Brunettis sechster Fall , Zürich 2000


In Märchen, in denen sich die älteren Mythologien erhalten haben, waren Hexen, Weise Frauen, Grossmütter, Stiefmütter, aber auch Mütter und Mädchen ursprünglich nicht böse, sondern Verkörperungen der Grossen Göttin in ihren 3 Aspekten (Mond-)Jung(e)frau, Mutter (aller Geschöpfe) und Jägerin, Zerstörerin oder Alte. Märchen, die die alte Religion verschlüsselt haben, sind z.B. Schneewittchen, Frau Holle, Die drei Spinnerinnen oder Baba Yaga und Wassilissa, die Wunderschöne.

Diese Vorstellung von Trinität, wie sie z.B. im Christentum fortlebt, ist eine der ältesten religiösen Vorstellungen überhaupt, und hat ihren Ursprung im Mondkult. Die drei Phasen des Mondes, der in fast allen Sprachen weiblich ist, beeinflussen den Menstruationszyklus und wurden deshalb mit der Grossen Göttin gleichgesetzt und führten zur Erfindung des ersten Kalenders. (Marie E.P.König in: 'Weib und Macht' 1979)

Die heilige Zahl 'Drei' taucht immer wieder in den frühesten Abbildungen der Grossen Göttin auf, sei es als Schossdreieck, Drei-Linie oder in der direkten Verdreifachung einer menschlichen Darstellung und gilt bis heute als besonders harmonisch. (dazu auch Barbara Walker zur Zahlensymbolik unter verschiedenen Stichworten in: 'Das Geheime Wissen der Frauen' 1995)



4.1.2. Interdisziplinäre Forschung

In der vergleichenden Sprachwissenschaft konzentrierten sich die Forschungen nicht nur auf die Gemeinsamkeiten der indogermanischen Sprachen, sondern es wurde erkannt, dass weltweit allen Sprachen ein gemeinsamer Silben- bzw. Wort-Schatz zugrunde liegt. Richard Fester entwickelte dazu sein 6-Ur-Worte-Modell (BA, KALL, TAL, TAG, OS und ACQ). Diese 6 Worte entwickelten sich jeweils nach- und auseinander, und bildeten durch Verknüpfung, Umdrehung, Verdopplung sowie durch Austausch von Buchstaben neue Wörter. Dabei steht das erste, Ba, für 'Mensch' und das zweite, Kall, für alles runde oder 'höhlige', welches in allen Sprachen allein das weibliche Prinzip beschreibt. Ein vergleichbares Wort für das männliche Prinzip lässt sich nicht nachweisen. Das Wort kall steckt in seinen Variationen nicht nur in Wörtern wie Kalender, kalt (span. caldo warm) oder Hügel, Kelim und Horn sondern auch in Namen von Ländern (z.B. Galizien, Portugal, Kalifornien), Städten (z.B. Köln, Halle) und Gottheiten (z.B. Holle, Kali, Kybele und Gott, Allah). Die Worte 'Welt', 'Galaxis' und 'All' sind ebenso kall-Wörter wie 'Sonne' und 'Mond'. Dieses Protokoll der Sprache zeigt, dass gerade die Worte, die heute Herrschaft und Macht ausdrücken, weiblich geprägt sind.

Kall-Wörter

Selbst das kall-Wort 'Mann' stand ursprünglich für Frau: 'Im ursprünglichen Altnordischen bedeutete man 'Frau'(engl. woman). Das Wort für Mann war nicht man sondern wer, aus der Sanskrit-Wurzel vir, wie in wer-wulf, dem Wolfsmann. Bei den skandinavischen und anderen Stämmen Europas wurde mit Man der Mond, die Schöpferin aller Wesen, bezeichnet. Selbst im Rom der Kaiserzeit war Man oder Mana die Mutter aller manes oder Ahnengeister. Die Sanskrit-Wurzel man bedeutete 'Mond' und 'Weisheit'. und dies waren die beiden wichtigsten Attribute der Grossen Göttin.' (Aus: Barbara Walker 1995, S.652)

Seit Beginn der Ethnologie waren die Frauen stets ein Thema, z.B. bei Lewis Henry Morgan, dessen Beschreibungen die TheoretikerInnen wie Marx, Engels, Bebel und Klara Zetkin als Belege für die Überwindbarkeit patriarchaler Strukturen nahmen und in ihr Modell der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung einbauten. Nach dem ersten Weltkrieg tauchten Frauen vorwiegend unter den Aspekten Heirat und Familie auf oder sie wurden als abstrakte Kategorien in Verwandtschaftsstammbäumen oder Tauschsystemen erfasst. Frauen, so schien es, taten eher die uninteressanten und unwichtigen Dinge, während Männer alles dominierten, was für einen Wissenschaftler von Interesse sein konnte. (Susanne Schröter in: 'Oya Kala Dao' 1995, S.13)

dass die Ethnologen bei ihrer Erforschung stets die männlichen Mitglieder eines Volkes befragten, erhielten sie nicht nur die ausschließlich männliche Sicht dieses Volkes, sondern auch den Eindruck, Männer wären überall dominierend, und projizierten damit westliche Verhältnisse auf die gesamte Welt. Die neue Sicht mit Beginn der siebziger Jahre führte zu wesentlich differenzierteren Ergebnissen, und machte darüber hinaus längst entdeckte, aber ignorierte matriarchale Völker bekannt.

Mosuo

Noch heute existieren überall auf der Welt Völker, die in reinem Matriarchat leben, z.B. die Mosuo (Abb. aus BRIGITTE 2/97), ein chinesisches Bergvolk oder die Trobriander, Trobriand Inseln/ Papua -Neuguinea.

Mosuo Mosuo

BUCHTIPP: Yang Erche Namu, Christine Mathieu: Das Land der Töchter
Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört. 2005
Bestellen bei Libri.de

(Anm. Moso = Mosuo)

'Viele Ethnologinnen beklagen sich, dass bei jeder Frage nach dem Sinn einer Handlung, den Ursprüngen eines Rituals oder ähnlichem die Frauen vorgaben, nichts zu wissen und an die Männer verwiesen ... Doch Männer gelten nicht nur als Spezialisten fürs Reden, sie besitzen auch noch die Zeit dazu. Während Frauen meist rund um die Uhr mit ihren Arbeiten beschäftigt sind und sich so manches Gespräch durch Kindergeschrei als unmöglich erweist, besitzen Männer spezielle Räume und ausreichend Musse, um dem weiblichen Gast alles in Ruhe zu erläutern. Zudem beherrschen Männer, die eine bessere Ausbildung genossen haben, meist die Verkehrssprache, die auch die Ethnologin gelernt hat und Frauen nur den lokalen Dialekt.' (Susanne Schröter, in: 'Oya Kala Dao' 1995, S.14),

Mit Beginn der Archäologie, aber vor allem seit der Entdeckung der ersten steinzeitlichen Frauenstatuetten, ist es möglich, die Theorien der Matriarchatsforschung mit greifbaren Fakten zu beweisen. Es dauerte allerdings noch ein halbes Jahrhundert bis diese auch in diesen Kontext gestellt wurden. Frauenstatuetten galten bis dahin als Darstellungen eines vermeintlichen Schönheitsideals oder gar als Pornographie der Steinzeit. Die ersten Entdecker bezeichneten sie als hässlich, unförmig oder gar als Ausdruck mangelnden künstlerischen Verständnisses. Die häufige Bezeichnung "Venus" für diese Figurinen ist demnach eigentlich nur ironisch zu verstehen. Bald wurden sie als Fruchtbarkeitsidole bezeichnet, und legten damit den weiblichen Körper auf die Rolle der Gebärenden fest. Erst Urgeschichtsforscherinnen wie Marija Gimbutas und Marie E.P. König (s. 4.3.) entschlüsselten die religiöse und gesellschaftliche Bedeutung der Figurinen, die Schließlich nur selten schwanger und fast nie mit Kind dargestellt sind. Aus der Tatsache heraus, dass Religion eng an das Gesellschaftsystem gebunden ist und die Gottheiten einer Religion etwas darüber aussagen, wer in der Gesellschaft dominiert, ist es nur noch ein kleiner Schritt, zu entdecken, dass die fast ausschließlich weiblichen Figurinen der Steinzeit ein Beleg für die weibliche Dominanz in dieser Zeit sind.

In der Sozial- und Kulturanthropologie beschäftigen sich ForscherInnen mit der Frage, ob und wann Frauen auf rollenspezifische Tätigkeiten festgelegt wurden bzw. wie ihr Alltag in urgeschichtlicher Zeit aussah, und liefern damit der Geschlechterforschung Material. So galt lange Zeit das Jagen als rein männliche Domäne und das Sammeln als weibliche. Vergleiche der ethnologischen und archäologischen Befunde unter Berücksichtigung der biologischen Unterschiede bei Frau und Mann ergaben nicht nur, dass Frauen, wie die Männer, zur Jagd fähig sind, sondern auch, dass sie es tatsächlich taten und beispielsweise bei den Eskimo Sibiriens oder EuropäerInnen heute noch tun. Selbst Frauen, die ein Baby mit sich tragen, sind als jagend belegt ! (Sibylle Kästner in: 'Frauen Zeiten Spuren' 1998, S.200)

Nachdem zahllose Skelettfunde mit Grabbeigaben, die der Jagd dienen konnten, stets als männlich eingestuft wurden, erwiesen sich viele erst nach anthropologischer Untersuchung als eindeutig weiblich. Derartige Untersuchungen galten lange als überflüssig.

Eng damit in Zusammenhang steht die Frage nach der Ernährung des Menschen und welchen Anteil dabei jeweils Gesammeltes oder Jagdbeute haben. Galt das Jagen lange als die wichtigste Art der Nahrungsbeschaffung sowohl bei Naturvölkern als auch den frühen Menschen, ist nun klar, dass im Paläolithikum lediglich ca. 20% der Nahrung aus Fleisch bestanden und manchmal sogar Fleisch nur ausnahmsweise verzehrt wurde. Bei den frühen Hominiden ist sogar das Sammeln von Aas, bzw. das Aushöhlen liegengelassener Knochen die einzige Möglichkeit gewesen, an tierisches Eiweiss in grösseren Mengen heranzukommen, wobei auch schon hier die pflanzliche Ernährung im Vordergrund stand.

Schließlich lassen Untersuchungen an Skelettfunden auf Ernährungsweise, Erkrankungen sowie die Art der Arbeitsbelastung schließen. Letzteres ist vor allem für Funde aus der Zeit des beginnenden Ackerbaus interessant. Hier finden sich besonders häufig Spuren einseitiger Tätigkeit, die Missbildungen aber auch Krankheiten zur Folge hat. Damit sind Rückschlüsse auf den Arbeitsalltag möglich. (dazu siehe: 'Weib und Macht' 1979 und 'Frauen Zeiten Spuren' 1998 und Theya Molleson in: Spektrum der Wissenschaft, 10/94)



4.2. Geschlechterforschung

In den siebziger Jahren hat sich ein neuer Zweig gebildet, der früher Frauenforschung genannt wurde, und jetzt immer häufiger unter der Bezeichnung Geschlechterforschung, resp. Gender-Studies in englisch-sprachigen Ländern zu finden ist. Das zunächst auf Frauenfragen spezialisierte Forschungsgebiet hat sich in den achtziger Jahren in egalitäre Richtung entwickelt, dadurch dass dieser neue Name diesen Bereich auch Männern zugänglich machte, und dass Gelder zunehmend für reine Frauenprojekte nicht mehr zur Verfügung gestellt wurden. Untersuchungen zu gender (Definition s. unten) werden vor allem in Archäologie, Ethnologie, Ethnographie, Geschichte, Soziologie etc. in die Forschung einbezogen.

'Gender bezeichnet ein komplexes, aus mehreren Einzelkomponenten bestehendes soziales Phänomen. Es beschreibt sowohl die gesellschaftlichen Erwartungen als auch die Verhaltensweisen und das Selbstverständnis von Personen in bezug auf ihr Geschlecht. Unter gender werden beispielsweise Geschlechterrolle, -identität, -varianz, -zuordnung, -status, und -ideologie zusammengefasst.' (Brandt, Owen, Röder in: 'Frauen Zeiten Spuren' 1998, S.19) Die kurze Übersetzung lautet soziales Geschlecht.

Konkret bedeutet das für viele Funde, dass alle sie betreffenden kulturell bedingten Sehgewohnheiten, die von Rollenklischees gekennzeichnet sind, analysiert und dann ausgeklammert werden. Ein gutes Beispiel liefern nicht nur Grabbeigaben, sondern auch die bereits erwähnten 'Frauen-Figurinen': 'Nach dem heutigen Stand der Forschung gelten die menschengestaltigen Kleinplastiken aus den ersten Jahrtausenden der künstlerischen Entwicklung als überwiegend weiblich. Auch solche ohne explizite Geschlechtsmerkmale werden als Frauenfiguren gedeutet.' (Bosinski und Fischer 1974, aus: Gabriele Meixner 1994, S.48)

Daraus entbrannte die sogenannte Gender-Debatte, in deren Zuge Geschlechtszuordnungen, die dem gängigen Klischee entgegenlaufen, 'vermehrt angezweifelt werden' oft allerdings in Unkenntnis des Fundmaterials.'

Untersuchungen zum sozialen Geschlecht werden auch in Çatal Höyük gemacht, wo Naomi Hamilton 'in Figurinen sowie Begräbnisriten und Grabbeigaben ein Potenzial sieht, Haltungen zu (gender, A.d.V.) und die Konstruktion von gender zu beleuchten'. Sie hat festgestellt, dass einige Gräber die Geschlechtergrenzen, wie sie bislang über Grabbeigaben definiert wurden, überschreiten und schreibt dazu: 'Wenn dies durch die aktuelle Grabung bestätigt wird, könnte das bedeuten, dass gender noch nicht endgültig etabliert und fliessend war oder dass mehr als zwei Geschlechter in Çatal Höyük existierten, d. h. das soziale Geschlecht nicht strikt nach dem biologischen Geschlecht definiert war. Es ist auch denkbar, dass unsere Arbeit aufzeigt, dass Grabbeigaben nicht geschlechtsspezifisch waren, was allerdings auch wieder andere Geschlechterstrukturierungen voraussetzen könnte, als wir sie heute kennen.'(aus: CD-ROM Çatal Höyük)



4.3. Urgeschichtsforschung

Vor allem feministische Forscherinnen legen Wert auf die Bezeichnung Urgeschichtsforschung anstatt Vor- und Frühgeschichtsforschung. Letztere taucht auch in Neuerscheinungen wissenschaftlicher Literatur immer noch auf, so auch als Stichwort im Lexikon, wo Urgeschichte lediglich als andere mögliche Bezeichnung aufgeführt ist: Die Vorgeschichte ist die Geschichte der Menschheit von den Anfängen bis zum Einsetzen schriftlicher Quellen. (aus: Brockhaus Enzyklopädie 1994)

Diese Begriffsunterscheidung ist wichtig, weil bereits der Name dieser Forschungsrichtung den Gegenstand seiner Erforschung wertet. Der Begriff Vor- und Frühgeschichte stellt den grössten Teil der Menschheitsgeschichte als 'noch nicht richtige Geschichte' dar. Diese Lesart hat ihre Tradition im griechischen Geschichtsbild, das vor die Zeit ab 800 v.u.Z. die 'Dunkle Zeit' setzt. Diese ist die gesamte matriarchale Zeit, die dennoch wie die Historie echte Geschichte ist. Der Begriff Urgeschichte beginnt sich in der Forschung überall durchzusetzen, erst nachdem Forscherinnen darauf aufmerksam machten.

Urgeschichtsforschung ist nicht mit Matriarchatsforschung identisch. Feministische Urgeschichtsforschung ist immer Matriarchatsforschung. Matriarchatsforschung hingegen ist nicht immer feministisch.



4.4. Lebenswerke

4.4.1. Marija Gimbutas (1921-1994)

Marija Gimbutas, Professorin für Archäologie an der Universität von Kalifornien, Los Angeles erreichte in der gesamten archäologischen Fachwelt durch ihr Lebenswerk Berühmtheit. Die Bedeutung ihrer Arbeiten wird z. B. mit der Entzifferung der Hieroglyphen verglichen oder mit den Ausgrabungen von Troja (J. Campbell/A. Montagu, aus einem Prospekt von Zweitausendeins, 1997), dementsprechend häufig wird sie zitiert.

Sie prägte den Begriff 'Altes Europa', mit dem sie die Jungsteinzeit vor den Indoeuropäern meinte. Dabei hat sie die enge Verbindung der Kultur Südost-Europas mit der Kleinasiens herausgearbeitet.

Marija Gimbutas hat als bisher einzige den Versuch unternommen, die erste Schrift der Menschheit, gefunden bei der Vinca-Kultur, zu analysieren, und hat sie mit der von ihr 'Sprache der Göttin' genannten Symbolschrift Alt-Europas verglichen. Letztere ist damit als Vorläuferin der echten Schrift, wie sie in Vinca vorliegt, identifiziert. (s.a. Fussnote 7)

Ihr gelang es, den Nachweis zu führen, dass Muster auf, aber auch Formen von Keramiken, Figurinen und Wandbildern symbolischen Charakter haben und Bestandteil des sprachlichen Ausdrucks der Weltreligion der Grossen Göttin sind. Ihr gelungener Versuch einer Rekonstruktion der steinzeitlichen Religion, veröffentlicht z.B. in den Werken 'Die Sprache der Göttin' und 'Die Zivilisation der Göttin' straft diejenigen zahlreichen ForscherInnen Lügen, die immer noch behaupten, dass es kaum oder überhaupt keinerlei Erkenntnisse über diese Religion geben könne, ja, dass es sogar unseriös wäre, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ihre Arbeiten sind für die Deutung der Bildwerke Çatal Höyüks von grösster Bedeutung, welche sie stets in ihre Untersuchungen einbezog.

Ian Hodder greift sie posthum in seinen Erläuterungen zur sogenannten 'Muttergöttin' Çatal Höyüks auf CD-ROM an, wo er durch gezieltes Weglassen von Informationen bei den LeserInnen den Eindruck hinterlässt, dass die Erkenntnis von der Existenz des Matriarchats eher als zweifelhaft, ja sogar als exotische Esoterik zu gelten hat. So behauptet er, ohne einen Gegenbeweis zu erbringen, dass es nicht stimme, dass die meisten Figurinen von Çatal Höyük weiblich sind, wie es Marija Gimbutas festgestellt hat. Er verschliesst damit nicht nur in ignoranter Weise die Augen vor den Tatsachen, sondern ignoriert auch die Untersuchungen zu Gender, denen sich sogar Naomi Hamilton, als Mitglied 'seines' Forschungsteams widmet.



4.4.2. Marie E.P.König (1899-1988)

Marie E.P.König erforschte die Kulthöhlen Frankreichs vor Ort, und entdeckte dort die ältesten Spuren des steinzeitlichen Weltbildes. Dabei waren es nicht nur die berühmten Höhlen von Pech Merle oder Lascaux, deren Tierdarstellungen sie als Metapher für das weibliche Prinzip erkannt hat, sondern vor allem die weitgehend unbekannten und schwer erreichbaren Höhlen im Wald von Fontainebleau, in denen sie u.a. zum ersten Mal die Vulva-Symbolik in den von Menschen in den Fels gehauenen Zeichen erkannte und die Netzmuster und Linien, die dort ganze Wände und Böden überziehen als ersten Ausdruck einer Vorstellung von den Himmelsrichtungen deutete. Sie war es auch, die den Zusammenhang des Mondkultes mit der Stier-Symbolik erklärte.

Marie König ist zwar in der feministischen Forschungswelt anerkannt, wird aber in der übrigen Fachwelt namentlich ignoriert, dass sie 'nur' Autodidaktin war. (Bemerkenswert ist dabei, dass sie erst mit 50 Jahren, nach dem Auszug der Kinder, begann, auf eigene Faust die Dinge zu erforschen, die sie seit ihrer Kindheit beschäftigten.) Dennoch haben sich ihre Erkenntnisse, die sie in zahlreichen Büchern veröffentlichte, 'herumgesprochen' und sind wie selbstverständlich in die Deutungsversuche anerkannter ForscherInnen eingeflossen. Dies betrifft vor allem ihre Arbeiten zur Vulva-Symbolik, die mittlerweile fester Bestandteil von Deutungsspektren geworden ist, wie sie auch von James Mellaart (s. 3.3.1.) auf die in Çatal Höyük gefundenen Bildwerke angewendet wird.

Marie E.P.König hat wie Marija Gimbutas stets darauf wert gelegt, nicht als Matriarchatsforscherin, sondern als Urgeschichtsforscherin bezeichnet zu werden. Beide bezeichneten sich ausdrücklich nicht als Feministinnen. Trotz dieser Übereinstimmung lehnte Marija Gimbutas die Arbeit Marie E.P.Königs ab. (aus: Birgitta M. Schulte 1995)



4.5. Sturz in den Untergrund

4.5.1. Ursachen für den Untergang des Matriarchats

4.5.1.1. Ackerbau und Fruchtbarkeit ?

Mit dem Aufkommen des Ackerbaus änderten sich Ernährung und Arbeitsalltag erheblich. Ob daraus der Wandel zum Patriarchat erklärt werden kann, wie es versucht wird, ist jedoch umstritten.

MatriarchatsforscherInnen vertreten vereinzelt die Auffassung, dass die Erfindung des Ackerbaus eine Stärkung der männlichen Position und ein Anwachsen der Bevölkerungszahl zur Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften mit sich brachte. Doris F. Jonas schreibt hierfür beispielhaft: "...Bei dieser radikalen Veränderung der Bräuche und der daraus folgenden grösseren Gruppendichte - wodurch wiederum das Aggressionspotenzial der Männer ansteigt - werden dann die Männer mehr und mehr in die Zentren des sozialen Lebens gezogen. Sie werden zunehmend wichtiger. Ihre zusätzliche Arbeitskraft ist eine starke Kraft, und so haben sie zunächst ihren Platz in der Gruppe, bis sie Schließlich das Kommando gerade dort übernehmen, wo sich vorher eine rein weibliche Domäne etabliert hatte: bei der Versorgung mit pflanzlicher Nahrung." (aus: 'Weib und Macht' 1979, S.191)

Diese Theorie impliziert männlichen Machismus, und lässt die Frage offen, warum Frauen ihre Domäne scheinbar wie selbstverständlich abgegeben haben, Frauen, die sich ihrer selbst und ihrer Stärke doch eigentlich bewusst waren.

Tatsächlich jedoch widerlegen archäologische und anthropologische Befunde für Mitteleuropa die Annahme, dass Männer an der schweren Feldarbeit beteiligt waren. Frauen wurden dort offensichtlich durch gesellschaftlichen Druck oder gar Gewalt zur Feldarbeit gezwungen. Anders ist es meines Erachtens nicht zu erklären, dass sie die meiste Arbeit taten, ohne das zugehörige Sozialprestige zu behalten.

Bei Untersuchungen an Skelettfunden der mitteleuropäischen bandkeramischen Kultur (ca. 5500-5000 v.u.Z.). wurden vor allem bei den Frauen an den Knochen ungewöhnlich stark ausgeprägte Muskelmarken entdeckt, die auf allerschwerste körperliche Arbeit schließen lassen sowie bei beiden Geschlechtern Spuren von Mangelernährung infolge einseitiger Nahrung oder Hunger infolge von Missernten. (aus: Brigitte Röder in: 'Frauen Zeiten Spuren' 1998)

Derartig harte Lebensbedingungen haben offenbar in Kleinasien, dem Ursprung des Ackerbaus, nicht geherrscht. MatriarchatsforscherInnen der neueren Generation vermuten nicht nur deshalb noch für die frühe Zeit des Ackerbaus ein Matriarchat. Frauen gelten nicht nur im allgemeinen als die Erfinderinnen des Ackerbaus, sondern standen auch nachweislich im Mittelpunkt des Kultes der Grossen Göttin, der in der traditionellen Sicht fälschlicherweise Fruchtbarkeitskult genannt wird. dass eine Fruchtbarkeitsreligion allein keine Antworten auf existenzielle Fragen von Leben und Tod gibt, kann das Bitten um Fruchtbarkeit der Felder allenfalls ein Nebenaspekt der neolithischen Religion gewesen sein. Der Wunsch nach möglichst vielen Kindern ist noch weniger beweisbar, dass Frauenstatuetten fast nie mit Kind und überhaupt nicht mit mehreren Kindern abgebildet sind. Wie Marija Gimbutas nachgewiesen hat, war das weibliche Prinzip eben nicht auf Reproduktion reduziert, sondern war der Ausdruck der drei Aspekte des Daseins, Leben, Tod und Wiedergeburt, also eines zyklischen Geschehens, welches durch die dreifache Göttin in ihren Erscheinungsformen repräsentiert wird.

Die Archäologin Brigitte Röder versucht, diese Theorien unter Zuhilfenahme der o. g. Befunde zu entkräften. Sie sieht in diesen Tatsachen und der, dass Frauen der Bandkeramik (ca. 5500-4500 v.u.Z.) wesentlich seltener reich und selten auf speziellen Friedhöfen bestattet wurden, den Beweis, dass es ein Matriarchat zur Zeit der Bandkeramik, die die älteste bäuerliche Kultur Mitteleuropas ist, nicht gegeben hat, sondern vielmehr, dass sich Männer-dominierte Führungsschichten herausbildeten. Die harte, lebenswichtige Arbeit der Frauen, die als Erfinderinnen der Landwirtschaft gelten, hätte ihnen selbst offenbar keine Vorteile mehr eingebracht.

Diese plausible Beweisführung erweckt jedoch leider bei den LeserInnen den Eindruck, Matriarchat wäre für Ackerbaukulturen oder gar generell nicht vorstellbar. Dabei sprechen die alt- und mittelsteinzeitlichen Funde sowie die Funde SO-Europas aber vor allem Kleinasiens, insbesondere die von Çatal Höyük und Hacilar sowie noch heute existierende Matriarchate eine deutlich andere Sprache! In Çatal Höyük fanden sich weder Spuren von Überarbeitung noch von Hunger. Allenfalls sind erste Zivilisationskrankheiten nachweisbar. Die Frauen wurden zusammen mit ihrer Kindern an der wichtigsten Stelle im Haus bestattet. Grabbeigaben waren grundsätzlich selten, aber bei Frauen fast ausnahmslos reicher.

Resümee

Hier wird einmal mehr deutlich, welch überragende Bedeutung Çatal Höyük für die Matriarchatsforschung hat. Diese Stadt ist der sichtbare Beweis, dass Ackerbau und Matriarchat sich nicht ausschließen und eine effektive Landwirtschaft bzw. Arbeitsteilung sowie Wohlstand und Luxus auch ohne die Strukturen des Patriarchats (z.B. Gewaltenteilung) möglich waren.

Sonja Rüttner-Cova schreibt: '... Die Herstellung der heiligen Speisen (Brot und Bier, A.d.V.) galt als Ehrenaufgabe der Hausfrau, auf matriarchaler Kulturstufe war sie eine religiöse Handlung. Die heiligen Bereiche der Göttin auf den Alltag übertragen, deuten an, dass die Frau in ihrer Tätigkeit auch gleichzeitig Priesterin, d.h. Dienerin der Göttin war. Auf einer kulturell differenzierten, matriarchalen Entwicklungsstufe - Bachofen bezeichnet sie als demetrische Stufe - ist auch der Mann durch seine ackerbauliche Tätigkeit Diener und Priester der Göttin geworden. dass auf dieser Kulturstufe Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann herrschte, kann nie genug betont werden, dass unter Matriarchat oft das umgekehrte Patriarchat verstanden wird.'(aus: 'Frau Holle, die gestürzte Göttin', München, Basel 1998, S.121)

4.5.1.2. Patriarchale Eroberer aus dem Osten ?

Marija Gimbutas vertrat die Ansicht, dass die matristische Gesellschaftsform in Alt-Europa mit der Indoeuropäisierung ab ca. 4500 v.u.Z. unterging. Sie bezeichnete die frühen IndoeuropäerInnen als Kurganvölker, benannt nach den für sie typischen Hügelgräbern, die in Russland Kurgane heissen. Die von ihnen zuerst domestizierten Pferde ermöglichten diesen nomadischen Hirtenvölkern nicht nur eine schnelle Einwanderung aus dem Osten, vermutlich vom Kaspischen Meer, der Wolgasteppe und dem Ural, sondern bedeuteten auch eine kriegerische Überlegenheit gegenüber den friedliebenden alt-europäischen UreinwohnerInnen.

M. Gimbutas sah in der Tatsache, dass in den Kurganen auf alt-europäischem Boden fast ausschließlich Männer bzw. Fürsten bestattet waren, im Gegensatz zu den gleichberechtigten Bestattungen der Urbevölkerung, den Beleg für ihre These.

Diese These ist jedoch umstritten. Natalia Polosmak vom Institut für Archäologie und Ethnologie der Akademie der Wissenschaften in Moskau sieht in dem 1996 in Sibirien gefunden Kurgan-Grab einer Schamanin der Pazyryk-Kultur den Gegenbeweis dafür. Die etwa 23-jährige Frau war geschmückt mit Tätowierungen in 'Sonnenhirsch-Symbolik'. Sechs goldbelegte Pferdegerippe und reiche Grabbeigaben weisen sie als 'Priesterin der Sippe mit königlichem Status' aus. Dieses Kurgan-Grab zusammen mit einem anderen eines Kriegers, der mit gleicher Symbolik bestattet war, sprächen für eine Ausgewogenheit der Geschlechterrollen mit einer 'frauenzentrierten Religion'.

Dieser Fund reicht meines Erachtens nicht aus, Marija Gimbutas' These zu widerlegen, dass hier eine Verallgemeinerung eines für ein einzelnes Volk belegten Gesellschaftssystems vorliegt. Allerdings haben nachweislich auch die späteren Skythen und Sarmaten eine weiblich dominierte Religion gehabt.

4.5.1.3. Männliches Selbst-Bewusstsein und Theologie ?

Es ist denkbar, dass die matriarchale Struktur ackerbäuerlicher Gesellschaften im Zuge der Ausbreitung von Kleinasien über Europa allmählich durch eine patriarchale ersetzt wurde.

Doris F. Jonas versucht dies religiös zu erklären, durch eine zunehmende Dringlichkeit einer positiven Selbsteinschätzung gegenüber der machtvollen weiblichen Theologie. Sie sieht in einer Höhlenzeichnung, die vielleicht von einem Mann gezeichnet wurde und eine Selbstkopulation von Genitalien zeigt, in der Verbindung mit den umliegenden Tierbildern die Überwindung der weiblichen Macht der Regeneration. Sie schliesst daraus auf absolute Überlegenheit des männlichen Prinzips in dieser Abbildung. (in: 'Weib und Macht' S.188)

Ob sich die Männer im Matriarchat vielleicht doch unterdrückt und machtlos fühlen oder ob einzelne kriegerische Männergruppen die zufrieden lebenden und friedlich gesinnten Männer zum Umdenken zwangen, kann letztlich nicht geklärt werden.

Sonja Rüttner-Cova sieht den Untergang des Matriarchates zum einen als Ergebnis der entgültigen Spaltung (Zerstückelung, Daly) der Grossen Göttin in ihre Aspekte: 'dass dem Alltag in Haus und Feld sakrale Bedeutung zukam, scheint sich mit dem Tempel- und Kirchenbau eine Wende anzubahnen. War früher jedes Haus, jeder Naturort eine heilige Stätte göttlicher Kraft, an der alle Lebewesen unterschiedslos partizipieren konnten, so begann mit dem Tempelbau eine Aufgliederung, die neue Hierarchien mit sich brachte und langsam die Spaltung des ganzheitlichen Religionsverständnisses bewirkte. Ich meine, dass mit dem Tempelbau der Grundstein zur patriarchalen Gesellschaftsform gelegt wurde, (...).' Nachvollziehbar wird dies im hier später Nachfolgenden am Beispiel der phrygischen Göttin Kybele. (in 4.5.2, Sonja Rüttner-Cova 1998, S.121, H.v.d.V.) Allerdings vertauscht Sonja Rüttner-Cova leider Ursache und Wirkung, denn die Spaltung war Ergebnis des Gesellschaftswandels.

Zum anderen stellt sie aber fest: 'Mit dem Wissen, dass der Mann als Samenspender am Zeugungsakt beteiligt ist, wurde die Vorstellung von der Jungfernzeugung hinfällig. Diese neue Erkenntnis schmälerte mit der Zeit die Stellung der Göttin und die der Frau.' (Sonja Rüttner-Cova 1998, S.138) Dieser Denkprozess setzte wahrscheinlich jedoch schon vor der Jungsteinzeit ein. 'Der neue Gott, der Manngott, sollte als Heilmittel gegen die Kränkungen aus dem psychischen Matriarchat wirken. Doch gegen das weiterhin wirksame psychische Matriarchat, das seit je verdrängt und bekämpft wird, mussten fortwährend neue und rigidere Abwehren angewendet werden.' (Sonja Rüttner-Cova 1998, S.138)

4.5.2. Matriarchat heute

4.5.2.1. Psychisches Matriarchat

Wie Sonja Rüttner-Cova entdeckt hat, lebt das Matriarchat in uns allen, Frauen wie Männern, als 'psychisches Matriarchat' fort: 'Es umfasst die lebensgeschichtlich bedingte Entwicklungsstufe des Menschen, wo Mutterumwelt alle Macht und Ohnmacht bedeutet. Die ersten äusseren Gesetze, Forderungen und Strafen erlebt das Kind normalerweise in einem Mutterumfeld. Unbewusste seelische Reaktionen auf die Erfahrungen, die in dieser Lebensphase gesammelt werden, prägen teilweise die Ichentwicklung eines Individuums. Jede Gesellschaftsform zeigt Spuren des psychischen Matriarchats. (1998, S.130) Meist ist die unterdrückte Frau und Mutter nur für das kleine Kind eine omnipotente Gestalt. Bald einmal nehmen Kinder wahr, dass die Mutter dem Vater zudient, dass oberflächlich und nach aussen der Vater die Gesetze der Familie bestimmt. ... Diese schizophrenogene Familiensituation fördert Konflikte aus dem psychischen Matriarchat.' (1998, S.140)

Sie stellt fest: 'Die ganzheitliche Göttin war für Frau und Mann ein Schutz gegen die Folgen des psychischen Matriarchates. (1998, S.138) Unter dem Patriarchat fehle dieser Schutz vor allem bei den Männern: 'Die unverarbeiteten, meist unbewussten Kränkungen aus dem psychischen Matriarchat fixieren den Patriarchen (positiv durchlebtes psych. Matriarchat, A.d.V.) auf Besitz, auf Habmacht, auf den Intellekt, den Matriarchen (negativ durchlebtes psych. Matriarchat) auf Spaltung, Gefühlswelt und Seinsmacht. dass beide Muster der Muttermacht entgegenwirken, unbewusste Erinnerungen an alte Kränkungen verdrängen und gemeinsam stark machen, sind Spaltung und Besitzdenken zu allgemeinen Fundamenten der patriarchalen Gesellschaft geworden.' (1998, S.137)

 

4.5.2.2. Die Religion der Grossen Göttin in unserer Zeit

Die Religion der Göttin, die von den grossen Kirchen als Sektiererei verunglimpft wird, erlebt derzeit z.B. im englischen Wicca-Kult eine Renaissance und ist auch ein philosophischer Ansatz. Im Ökofeminismus ist eine weiblich orientierte Religiösität Bestandteil des alltäglichen Lebens, dass das Anerkennen der Natur als heilige Materie Grundlage für einen besseren Umgang mit ihr ist. Nicht die Natur Untertan machen, sondern mit ihr leben ist das Ziel. Die Rückeroberung der Heiligkeit des Weiblichen soll die Position der Frau in der Gesellschaft derart stärken, dass Männer weibliche Grenzen nicht mehr ungefragt überschreiten.

Çatal Höyük besitzt genau wie die Monumente der Megalithkultur Alt-Europas, z.B. Stonehenge, grosse Bedeutung für diese facettenreiche Bewegung. Deshalb besuchen zahlreiche Frauen-Reisegruppen diesen Ort. Ian Hodder berichtet über 'Busladungen von Leuten auf 'Goddess Tours', die sich für die spirituelle Verbindung mit dem Ort interessieren, die vielleicht gekommen sind um zu beten, oder die Teil einer New-Age-, ökofeministischen oder Gaia-Bewegung sind.' (CD-ROM Çatal Höyük) Im Internet ist seit kurzem eine E-mail-Diskussion mit ihm und Anita Louise von der amerikanischen Goddess community zu finden.

Eine der Wegbereiterinnen dieser Renaissance ist Mary Daly (Professorin für Philosophie am Boston College of Theology).  Mary Daly erklärt den in der Mythengeschichte nachweisbaren Entwicklungsprozess vom Matriarchat hin zum Patriarchat. Die Religion der Göttin, wie sie heute wieder gelebt wird, nimmt sie kritisch unter die Lupe und warnt vor einer schlichten Nachahmung des Althergebrachten mit femininem Vorzeichen. Dazu entwickelte sie eine Sensibilität für die Sprache, um sie von Sexismen zu befreien, mit dem Ziel ein Bewusstsein für die Mechanismen der patriarchalen Gesellschaft zu schaffen. (...) Ich tue das, weil Gott für die Nekrophilie des Patriarchats steht, während Göttin das Lebendiges-liebende Sei-en von Frauen und Natur bestätigt. (...) 'Es geht in diesem Buch jedoch nicht darum, diese Begriffe einfach durch andere zu ersetzen. Die Versuchung/Falle, einfach nur andere Etikettierungen zu finden, hält uns vom Spinnen ab. Vorstellungen von der Göttin können echt und ermutigend sein, doch vergegenständlichte, objektivierte Bilder von "Der Göttin" können lediglich ein Ersatz für "Gott" sein, nämlich dann, wenn sie nicht vermitteln, dass Sei-en ein Tätigkeitswort ist, und Sie viele Tätigkeitsworte bedeutet. Einen Begriff wie Frauen-identifiziert statt androgyn zu gebrauchen, ist ein unermesslicher qualitativer Sprung (...).' (Mary Daly 1980, S.12 f)

Sie hat so deutlich wie schmerzlich und wie keine vor ihr das Wesen und die Strategien des Patriarchates analysiert. Sie schreibt mit einem ihrer Kernsätze: ' (...) Und, wie Virginia Woolf es gesehen hat: Die auf den Tod ausgerichteten militärischen Prozessionen spiegeln die wahre Zielrichtung des gesamten Szenariums, welches ein Leichenzug ist, der alle Formen des Lebens verschlingt. Gott der Vater verlangt das totale Opfer/die totale Zerstörung. Die vorherrschende Religion auf dem gesamten Planeten ist das Patriarchat als solches, und seine eigentliche Botschaft ist die Nekrophilie. Alle sogenannten Religionen, die das Patriarchat legitimieren, sind lediglich Sekten, die unter seinem riesigen Schirm/Baldachin zusammengefasst sind. Trotz aller Unterschiede sind sie im Prinzip alle gleich. Alle - von Buddhismus und Hinduismus zum Islam, Judaismus, Christentum, bis zu so säkulären abgeleiteten Formen wie Freudianismus, Jungianismus, Marxismus und Maoismus - sind Infrastrukturen des Gebäudes Patriarchat.' (aus: Mary Daly 1980, S.61)



4.6. Die Spuren der Grossen Göttin von Çatal

4.6.1. Mythen

Im antiken Phrygien, dem heutigen Anatolien, war Kybele die oberste Stadt-Göttin. Sie trug eine Mauerkrone als Zeichen ihrer Würde auf dem Kopf (Abb.). Hier waren ihre Attribute Löwe, Spiegel und Granatapfel. (aus: Brockhaus Enzyklopädie,1990)

Kybele

 

Kybele wurde vor allem in Höhlenheiligtümern verehrt, die auch Hochzeitskammern genannt wurden, wie die pastos von Eleusis. Der alexandrinische Dichter Nikander nannte sie nach der kretischen Göttin Rhea Rhea Lobrina, Göttin der heiligen Höhlen, latinisiert war sie Sibylle. Die Kreter jener Zeit glaubten, dass alles Leben aus Rheas Gebärmutterhöhle auf dem Berg Dikte entsprungen sei, woher sich auch die E-dikte ihres heiligen Gesetzes herleiten. (aus: Barbara Walker 1995, S.404)

Bis zum 20. Jahrhundert fand ihre geheime Verehrung auf den wilden Berggipfeln Anatoliens statt. Ihre Riten umfassten ursprüngliche Bräuche der Religion Anatoliens, von denen einige trotz Christentum und Islam bis zum heutigen Tag überlebt haben. 'Die Einwohner der Halbinsel trafen sich wie die Kizil-Bash Bauern von heute auf den Berggipfeln, die mit Wäldern bedeckt waren, die noch keine Axt entweiht hatte, und zelebrierten ihre Festtage.' (aus: Barbara Walker 1995, S.100)

Eine deutliche Parallele zu den anatolischen Bergmysterien zeigt ein Motiv auf dem Kelim aus der Giresun-Region (Abb.), das 'Die Göttin auf dem Berg' genannt wird und auch auf Teppichen aus anderen Regionen zu finden ist. (Mellaart, Hirsch, Balpinar 1989, S.80, s.a. 3.3.1.)

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Dieses Bild von der (Gebärmutter-) Höhle der Göttin auf dem Berg wiederholt sich, wie ich meine, in einmaliger Weise auf dem Tell von Çatal. Jedes Haus war eine Höhle, ausgestattet mit den Bildern von Geburt, Leben und Tod, angemalt in der roten Farbe des Blutes. Das Leben der BewohnerInnen von Çatal war eine einzige Kulthandlung, die irgendwelche Riten eigentlich überflüssig sein liess. Sonja Rüttner-Cova schreibt: 'Im naturreligiösen Denken besteht keine Spaltung zwischen religiöser und alltäglicher Handlung.' Riten sind in der Regel Nachahmungen von mythischen Bildern, aber möglicherweise waren manche Riten späterer Zeit nur Nachahmungen der einmal in Çatal gelebten Wirklichkeit, als der Alltag selbst noch heilig war und die Menschen mit ihrer Umgebung eins waren.

Variationen des Namens der Kybele - Kubaba, Kuba, Kube - wurden mit der Kaaba in Mekka in Verbindung gebracht, einem 'Kubus', Würfel meteoritischen Ursprungs, der das Symbol der Göttin trug und einst als das Alte Weib bezeichnet worden war. Priester der Kaaba gelten immer noch als 'Söhne der Greisin'.

Kubaba: Sumerische Königin, die sich selbst als 'Bier-Frau' in die sumerische Königsliste eintrug (aus: Anita Louise auf der Homepage des 'Female Empowerment Ring', vgl. 4.5.1.1.)

Ein anderer Name der Kybele war Antaea, mit dem sie mythische Mutter des Riesen Antaeus war, der solange unbesiegbar blieb, wie seine Füsse zum Leib seiner Mutter, der Erde, Kontakt hatten. (aus: Barbara Walker 1995, S.503 u. 593 f) Als die hethitische Kubaba waren ihre Attribute Vogel, Löwe und Stier (siehe 3.2.5.).

Kybele, die in Form eines schwarzen Meteoriten (siehe Kaaba) im Jahre 204 v.u.Z. vom phrygischen Hauptkultort Pessinus nach Rom gebracht wurde, erschien den RömerInnen als so mächtig, dass sie sie als Magna Mater in den GöttInnen-Kanon aufnahmen. Sie trug hier einen Schleier und ein Tympanon (Abb. oben,   griech. Handpauke, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Giebelfeld in der Baukunst) und wurde von dem Vegetationsgott Attis, der eine phrygische Mütze (Abb.) trug, begleitet. Ihr zu Ehren wurden Stiermysterien (Taurobolien) und Bockmysterien (Kriobolien, krios [griech.] Bock, s. in: Religio Romana: Kriophoros, der Bockträger (Hermes)) gefeiert (4.-10. April), bei denen Taufen mit Stier- oder Widderblut vollzogen wurden. Der Meterorit wurde in Wasser gebadet. Mit dem Bad im Wasser, hier als männliches Prinzip, wurde die Heilige Hochzeit (siehe 3.2.3.) symbolisch nachgeahmt. Bei den im ummauerten Tempelbezirk (siehe 4.5.1.) stattfindenden orgiastischen Kultfeiern verstümmelten sich Priester selbst, begründet durch das Schicksal des Attis. (aus: Barbara Walker 1995, S.593 f und Brockhaus Enzyklopädie,1990 und Sonja Rüttner Cova 1998, S.25 f u. 105 und Gerhard Fink 1993, S.175 f)

Attis

Der seltsam anmutende Anzug des Attis ist meiner Ansicht nach voller Vulva-Symbolik, sowohl die geknöpfte Öffnung, die den Anzug von oben bis unten durchzieht, als auch die grosse Öffnung im Bauchbereich. (s.a. 3.3.2.)

In Çatal Höyük findet sich immer wieder die Abbildung der neolithischen Doppelgöttin, die in Mythen wie der griechischen Demeter und Kore oder der hethitischen Ninatta und Kulitta fortlebte. James Mellaart schreibt 1989 immer noch dazu: 'Die Ideen, die ihnen zugrunde liegen, sind nicht klar.' (Übersetzung aus: Gabriele Meixner 1994.) Davon, ob dies wirklich so ist oder nicht, kann sich mein/e LeserIn in der von mir vorgeschlagenen Literatur überzeugen.

Andere Namen der anatolischen Göttin, und vielleicht auch der Grossen Göttin von Çatal, waren Hannahanna, Hebat(e) oder Hepat, Danu, Ma (Grosse Göttin von Comana), Maliya (SO-Anatolien, in ihrer Verdoppelung Maliyanni) und Maria. Letztere beweist den Einfluss der kleinasiatischen Religion (vielleicht der von Çatal ?) bis heute und bis zu uns!

Der Spiegel als Attribut der Göttin taucht in den Mythologien und Glaubensvorstellungen Asiens bis heute auf. In Europa hat der Aberglaube, das Zerbrechen eines Spiegel bringe sieben Jahre Unglück, ebenfalls seinen Ursprung im Altertum. Barbara Walker schreibt hierzu: 'Die Menschen des Altertums sprachen jeder reflektierenden Oberfläche, ob fest oder flüssig, geheimnisvolle Kräfte zu, denn sie hielten das Spiegelbild für einen Teil der Seele. Das Aufrühren von Wasser, in das eine Person blickte, war mit schweren Tabus belegt, denn die Zerstörung des Spiegelbildes bedeutete eine Gefahr für die Seele. ... Spiegel wurden in christlichen Vorstellungen oft mit dem Tod in Zusammenhang gebracht. Dämone, Werwölfe, Vampire und andere 'seelenlose' Kreaturen besassen kein Spiegelbild. ... Der sogenannte Hexenspiegel konnte aus poliertem Stein (vgl.Obsidianspiegel aus Çatal), einer Metallplatte, einem Kristall oder einer Schale mit Wasser oder Tinte bestehen. ...: Die esoterische Bedeutung des Spiegels erklärte schon vor langer Zeit Plotin. Er brachte ihn dabei mit der hinduistischen Vorstellung von Maya als Schöpferin der 'Spiegelbilder' spiritueller Realität im Spiegel der materiellen Welt in Verbindung. "Materie dient als ein Spiegel, auf den die Weltseele die Bilder oder Spiegelbilder ihrer Schöpfungen projiziert, und so entstehen die Phänomene des wahrnehmbaren Universums." ' (aus: Barbara Walker 1995, S.1032, H.v.d.V.)

 

4.6.2. 'Mythische Bauteile'

Wie im vorangegangenen gesehen, ist es möglich, dass das Leben auf dem Tell von Çatal in der Folgezeit mythisiert wurde. Neben den Häusern, die im ganzen als Vorbild für Höhlenheiligtümer gedient haben mögen, sind es vor allem die einzelnen Bauteile, die in Mythen eine besondere Bedeutung bekamen. Bekannt sind Ausdrücke wie das Höllenloch, die Himmelstür, Himmelsleiter, Säulen des Herkules u.ä.. Für Çatal besonders relevant sind Leitern, Schlupflöcher und Säulen.

Barbara Walker schreibt: 'Die Leiter zum Himmel war ein Relikt schamanistischer Zeremonien von Tod und Wiedergeburt. (...) Bei zentralasiatischen Stämmen war die 'Seelenleiter' ein auf dem Grab befestigter Pfosten mit vierzehn Kerben; sie repräsentierten die 'stufen' oder Tage des aufsteigenden Mondes. (...) Die Priesterkönige des Altertums erstiegen anlässlich ihrer heiligen Hochzeit (hieros gamos) eine Seelenleiter, die es ihnen ermöglichte, der Göttin zu begegnen. Sie erstiegen diese Leiter auch nach ihrem Tod, wenn ihre Seele zu der Mutter, die sie geboren hatte, zurückkehrte. (...) Nach Celsus stiegen neu in die Mithra-Mysterien Eingeweihte eine klimax oder siebensprossige Leiter hinauf. (...) Die heilige Klimax war in der byzantinischen und gnostischen Ikonographie so berühmt, dass sie sogar als falscher Heiliger kanonisiert wurde, Johannes Climacus. (...) Dieser heilige Johannes war angeblich ein Abt des Klosters Sinai, sein Vorname weist jedoch eher auf einen tantrischen Meister hin. Die Klimax war, wie die neuzeitliche Verwendung dieses Begriffes nahelegt, mehr als eine Leiter. Durch die Heirat mit der Göttin war sie Aufstieg zu sexuellem Glück.' (1995, S.605 f)

Die Schlupflöcher in den Häusern Çatals, die einzelne Räume miteinander verbanden, und durch die ein Mensch nur kriechend hindurch kam, folgen dem in Abschnitt 2.4.2.1. und 2.4.2.2. von mir gezeichneten Bild von der Vorstellungswelt der BewohnerInnen. Löcher waren auch in der Megalithkultur Alt-Europas (ca. 3500 - 2000 v.u.Z.) ein Bild für die heilige Vagina. Sie waren das 'Seelenloch', durch das die Seelen der Verstorbenen aus dem Grosssteingrab, z.B. Ganggrab, das eine gebaute Vagina bzw. Gebärmutter der Grossen Göttin war, wieder heraus konnten. (dazu Marija Gimbutas 1996, S.281)

Die Säule als Bauteil ist in Çatal nicht auf den ersten Blick erkennbar. Allenfalls Pilaster und Mauerpfosten teilen die Wände ein oder begrenzen Plattformen. Auffällig ist jedoch, dass sie immer in die jeweilige 'Wanddekoration' einbezogen sind.
Die Abbildung zeigt ein Relief der Göttin zwischen zwei Wandpfosten. Rekonstruktionszeichnung

Diese Abbildung zeigt die gleiche Haltung der Göttin, hier jedoch in ihrem doppelten Aspekt, erkennbar an den zwei stilisierten Köpfen. Diese fast vollständig abstrahierte Darstellung löst die Figur der Göttin in drei Säulen auf, die das Oben und das Unten des Raumes verbinden. Diese von Mellaart bemerkte Abstraktion blieb jedoch von ihm uninterpretiert.

Löwentor

Carola Meier-Seethaler (1993) hat anhand von kretischen Abbildungen, wie diesem Siegeldruck, die sie mit dem Löwentor von Mykene (Abb. Die Löwen des Tores sind eindeutig weiblich. C. Meier-Seethaler 1993, S. 56) verglich, versucht nachzuweisen, dass die Säule als Symbol mit der Grossen Göttin identisch ist (Abb.).

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Barbara Walker sieht in der Säule lediglich ein phallisches Symbol, wie z.B. der lingam Shivas im Hinduismus. Marija Gimbutas hat den Nachweis erbracht, dass die ausschließliche Deutung von Menhiren als Phallussymbol nicht haltbar ist, sondern diese vielmehr die Grosse Göttin symbolisieren. 'Funde aus allen Bereichen des Alten Europa lassen darauf schließen, dass Menhire, meist in Gestalt von Eulen, die Göttin des Todes und der Wiedergeburt symbolisieren.' Der grösste bekannte Menhir, 'Le Grand Menhir Brisé' (urspr. 17m hoch) bei Locmariaquer, steht in deutlichem Zusammenhang mit dem nur wenige Meter entfernten Ganggrab La Table. (Gimbutas 1996, S.204)

Damit ist die gezeigte Darstellung die Vorläuferin einer noch Jahrtausende später verstandenen Abstraktion, die jedoch in patriarchaler Zeit zur Unkenntlichkeit verdreht wurde (Säule als Phallus-Symbol).


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